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Tiefe Zinsen, tiefe Inflation «Die Preise werden steigen – ein bisschen»

Die Zentralbanken halten Zinsen tief und zielen auf eine Inflation von etwa zwei Prozent ab. Diese Programme haben wenig Erfolg. Wie beurteilen Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, und der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann die Auswirkungen dieser Geldpolitik?

Schweizer Geldscheine.
Legende: Tiefe Zinse, tiefe Inflation: Ist das die richtige Geldpolitik? Keystone

SRF: Die Inflation in der Schweiz belief sich zwischen August 2016 und August 2017 auf lediglich 0.46 Prozent. Ist das gut für die Bevölkerung?

Tobias Straumann: Die tiefe Inflation ist kein Problem. Die tiefen Zinsen, das geringe Wachstum und die hohe Währung in der Schweiz sind es.

Daniel Lampart gestikuliert.
Legende: Er ist die Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes: Daniel Lampart. Keystone

Daniel Lampart: Die tiefe Inflation ist auch eine Auswirkung des überbewerteten Frankens. Das haben beispielsweise die Gastronomie und die Maschinenindustrie gespürt. Teilweise verloren die Leute deswegen ihre Arbeit.

Das andere Problem ist: Geringes Wachstum und tiefe Inflation beeinflussen die Zinsen. Dort haben wir die Probleme: in der zweiten Säule, bei den Pensionskassen.

Die Reallöhne stagnieren, Sparguthaben bringen keinen Ertrag mehr und Vorsorgekapital nur schwache Renditen, was sich auf künftige Rentenleistungen auswirkt. Sind die Aussichten für Normalverdiener düster?

Daniel Lampart: Wir rechnen nicht mit dauerhaft hoher Arbeitslosigkeit. Im Moment sinkt sie. Die Unternehmen haben begonnen, wieder mehr zu investieren. Aber wenn Sie eine Altersvorsorge haben, die sich zu einem grossen Teil über die Finanzmärkte finanziert und wir dort Nullzinsen haben, ist der Druck gross. Die Beiträge steigen, die Leistungen sinken. Das merkt man, wenn man neu in Rente geht, und bei Frühpensionierungen. Davon gibt es viel weniger als vor 20 Jahren.

Tobias Straumann spricht an einem Podium. Er gestikuliert mit den Händen.
Legende: Ist Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich: Tobias Straumann. Keystone

Tobias Straumann, als Wirtschaftshistoriker haben Sie auch die langen Zeiträume im Blick. Niedrigzinsen, geringe Rendite der Vorsorgekapitalien: Leben wir in einer Ausnahmesituation?

Tobias Straumann: Nur teilweise. In den 1970er-Jahren hatten wir in der Schweiz eine recht hohe Inflation. Man bekam vielleicht fünf Prozent Zins, aber zog man die Inflation von zwölf Prozent ab, sah das auch nicht gut aus.
Neu ist dagegen, dass wir Nullzinsen und gleichzeitig fast keine Inflation haben. Für die Geldpolitik ist das ein Riesenproblem, weil sie keine Möglichkeit hat, über die Zinsen zu stimulieren, und nur noch mit Kaufprogrammen von Staatsanleihen versuchen kann, die Konjunktur anzukurbeln. Die Zentralbanken können das Geld nicht direkt in die Investitionen oder zum Konsum leiten, um damit Wirtschaftswachstum zu erzeugen.

Daniel Lampart: Wir sehen zurzeit eine wirtschaftliche Erholung, aber die Inflation zieht weniger an als in der Vergangenheit. Der Internationale Währungsfonds IWF veröffentlichte letzte Woche eine Studie mit der Schlussfolgerung, dass die Lage stark mit dem Arbeitsmarkt zusammenhängt, besonders mit der grossen Zahl von prekären Anstellungen. Die Leute wagen es weniger, Lohnforderungen zu stellen.

Auf der anderen Seite gibt es die grossen Einkommensscheren. Solange die Kaufkraft der tiefen und mittleren Einkommen nicht gestärkt wird, stellt sich die Frage: Wer führt wirklich zum gewünschten Wachstum? Wer sorgt dafür, dass die Löhne steigen? In der Schweiz leiden wir vor allem unter dem überbewerteten Franken, aber in den USA zum Beispiel ist es besorgniserregend, wie sich die soziale Situation verschlechtert hat.

Der Euro hat sich in den letzten Monaten gegenüber dem Franken etwas erholt. Was bedeutet das für die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten?

Tobias Straumann: Die Preise werden ein bisschen steigen, die Importe ein wenig teurer. Viel wichtiger ist aber, dass sich unsere Exportmöglichkeiten wieder verbessern. Das schafft Arbeitsplätze. Der Franken ist tendenziell immer noch zu stark. In der Maschinenindustrie ist die Situation sehr schwierig. Wenn der Franken längere Zeit tief bleibt, könnte sich diese Branche wieder erholen und Reserven aufbauen.

Daniel Lampart: Viele Leute haben sich ja gefreut, dass sie günstiger einkaufen konnten. Wir vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund haben die Nationalbank zu Beginn (beim «Frankenschock» vom 15.1.2015, Anm. d. Red.) stark kritisiert, weil sie zuerst nicht auf die schlagartige Frankenaufwertung reagiert hat. Weil wir finden, dass die Arbeitsplatzsituation für die Betroffenen und mittelfristig fürs Land entscheidend ist.

Im Moment spüren wir, dass es im Tourismus etwas anzieht. Da und dort hört man wieder von mehr Investitionen in der Industrie. Das ist gut. Man muss wissen: Ein derart auf die Exporte angewiesenes Land wie die Schweiz muss auf einen fair bewerteten Wechselkurs achten. Sonst schadet das am Schluss allen.

Das Gespräch führte Raphael Zehnder.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 03.10.2017, 09.00 Uhr.

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