«Transmenschen»: Im falschen Körper geboren

Niklaus Flütsch kam als Frau zur Welt, fühlte sich aber stets als Mann. Nach langen Kämpfen und Umwegen wagte er 45jährig sein Coming-out und eine Geschlechtsanpassung. Heute ist er ein erfolgreicher Gynäkologe und begehrter Berater von Transmenschen.

Niklaus Flütsch bei der Arbeit im Operationssaal.

Bildlegende: Früher Frau, heute Mann: Der Gynäkologe Niklaus Flütsch bei der Arbeit. Ursula Markus

Als Mädchen geboren, fühlte Niklaus Flütsch schon im Alter von vier Jahren, dass mit seinem Körper und seinem inneren Empfinden etwas nicht stimmte. Er wollte auch körperlich ein Junge sein: «Ich dachte, wenn ich meine Haare kurz schneiden lasse, dann wächst mir danach auch ein Penis. Das war aber ein harter Schlag als Kind, als ich merkte, dass das eigentlich unveränderbar ist.»

Die Pubertät machte alles noch komplizierter: Niklaus Flütsch fasste die körperlichen Veränderungen, die für ihn nicht stimmten, als Strafe auf und dachte, er müsse nun für immer im weiblichen Körper ausharren.

Endlich glücklich als Mann

Niklaus Flütsch beim Training mit Hanteln.

Bildlegende: Nach der Geschlechtsanpassung fühlte Niklaus Flütsch eine grosse Befreiung. Ursula Markus

45 Jahre lang spielte er die Rolle einer Frau, jahrzehntelang suchte er nach seiner eigenen Identität – erst dann stellte er sich die entscheidende Frage: «Muss sich die Seele denn immer dem Körper anpassen oder kann sich mein Körper nicht auch meiner Seele anpassen?»

Daraufhin beschloss er, den schwierigen Schritt zu wagen und auch äusserlich als Mann zu leben. Das Coming-out und der Prozess der körperlichen, hormonellen und operativen Veränderungen folgte: «Das braucht viel Kraft und ist eine riesige Hürde» sagt Niklaus Flütsch. «Aber im Endeffekt ist es eine grosse Befreiung – für mich war es wie ein Heimkommen in meinen eigenen, jetzigen Körper.» 

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Udo Rauchfleisch über die Erlösung nach der Operation

1:16 min, vom 12.3.2013

Transmenschen treten an die Öffentlichkeit

Transmenschen wie Niklaus Flütsch, also Menschen, die ihren Körper an ihr inneres Geschlecht anpassen, treten mehr und mehr an die Öffentlichkeit. Ihre Sichtbarkeit erhöht die Akzeptanz des Umfelds, und je grösser die Akzeptanz, desto eher wagen sie ein Coming-out. Im neuen Schweizer Buch «Das Geschlecht der Seele» werden in Wort und Bild einfühlsam Transmenschen porträtiert.

Ausserdem zeigt der kanadische Spielfilm «Laurence Anyways» bildgewaltig das Schicksal eines Lehrers, der bekennt: «In Wirklichkeit bin ich eine Frau». Wieviel Kraft und Mut die Menschen dafür aufbringen müssen und wie sehr eine Geschlechtsanpassung auch den Liebespartner und das ganze Umfeld trifft, das macht der Film eindrücklich sichtbar.

Es geht nicht um Sexualität, sondern Identität

Transmenschen nannte man lange Transsexuelle. «Es geht aber nicht um Sexualität, sondern um Identität». Der das sagt, muss es wissen. Udo Rauchfleisch, Professor für Psychologie an der Universität Basel und Psychotherapeut in eigener Praxis, begleitet Transmenschen seit 43 Jahren.

«Anfangs wurde ‹Trans› als ausgesprochen pathologisch angesehen, als etwas ganz Bizarres», sagt Rauchfleisch. «Dann tauchte es im medizinischen Diagnosesystem als Störung der Geschlechtsidentität auf. In den letzten zehn, zwanzig Jahren gab es zunehmend eine Entpathologisierung. Man rückt davon ab, dass das etwas mit Krankheit zu tun hat.»

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Udo Rauchfleisch, warum gibt es Transmenschen?

5:55 min, vom 12.3.2013

Rütteln an Geschlechternormen

Transmenschen rütteln an Geschlechternormen. Ein schweres Los für sie und eine Herausforderung für unsere heutige Gesellschaft. Eine, die zwar offener geworden ist, aber immer noch zu wenig Akzeptanz zeigt, so Rauchfleisch: «Das Hauptproblem in unserer Gesellschaft ist – im Gegensatz zu anderen Kulturen – dass wir nur Männer und Frauen kennen. Zwei unveränderbare Koordinaten.» Das Trans-Sein sei so irritierend und so provozierend, weil es im letzten heisst: «Es gibt etwas dazwischen, ein drittes Geschlecht.»

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Udo Rauchfleisch über Transmenschen in der Öffentlichkeit

1:40 min, vom 12.3.2013

Niklaus Flütsch hat es geschafft: Er ist heute ein erfolgreicher Mann. Ein Gynäkologe mit eigener Praxis, akzeptiert und beliebt bei Kollegen und Patientinnen. Und er leitet eine Sprechstunde für Transmenschen im Triemlispital. Mit seinem Schatz an eigenen Erfahrungen ist er ein begehrter Spezialist. Und er ist endlich glücklich: «Seit ich als Mann durchs Leben gehen kann, bin ich endlich ich selbst geworden.»

Die Geschichten von Transmenschen sind spannend. Sie faszinieren und sie irritieren. Weil es um veränderte Rollenbilder geht und um Identitätssuche. Denn ganz wir selbst sein, wollen wir das nicht alle?

Literaturhinweis

Ursula Markus und Tanja Polli: Das Geschlecht der Seele, Elster Verlag, 2013.

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