Popkultur bringt Trump hervor Trump, der Darth Vader der Konservativen

«Er ist kein Politiker, er ist ein Popstar»: In «Trump! POPulismus als Politik» sucht Kulturkritiker Georg Seeßlen Antworten auf die Frage: Wie konnte Trump nur Präsident werden?

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Georg Seeßlen: Trumpismus liegt zwischen Demokratie und Diktatur

1:34 min, vom 5.4.2017

Das Wichtigste in Kürze

  • Georg Seeßlen erstellt in seinem Buch «Trump! POPulismus als Politik» kein Psychogramm von Donald Trump, sondern sieht ihn als Produkt der Kulturindustrie.
  • Seeßlen bezeichnet ihn als zeitgemässe Version eines Volkshelden, eine Mischung aus Robin Hood, Billy the Kid und Darth Vader.
  • «Ein Mediengespenst» nennt Georg Seeßlen den neuen US-Präsidenten, der die Politik gekapert hat. Damit zeichnet er mit seinem Essay ein düsteres Zukunftsbild.

Trump – Volksheld oder Monster?

Die Welt rätselt. Jeden Tag. Immer mehr. Warum wurde er nur gewählt, obwohl alles, was nun an politischen Narreteien geschieht, eigentlich vorhersehbar war? Ein Politclown? Ein Volksheld? Ein Monster?

Der Kulturkritiker Georg Seeßlen ist diesen Fragen in einem fulminanten Essay nachgegangen. Weit entfernt von den üblichen politischen Kommentaren bietet sein Buch «Trump! Populismus als Politik» einen neuen Denkansatz.

Produkt der Kulturindustrie

Keine Psychologie, keine biografischen Erklärungsmuster, kein soziologischer Hintergrund. Nein. Stattdessen – Trump als Produkt einer Kulturindustrie. Als Popstar. Als Marionette seiner eigenen Inszenierung, entstanden aus unterschiedlichen Rollen und Vorbildern der Pop-Kultur.

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Georg Seeßlen über Trump als gelernter Popstar

1:49 min, vom 5.4.2017

Emotionen verdrängen die Logik

«Wir leben in zwei grossen Erzählungen, mindestens», schreibt Georg Seeßlen. «Die eine ist der ökonomisch-politische Diskurs, der sich auf Informationen, Interessen, Texte, Gesetze und Modelle bezieht.»

Die andere Erzählung ist nach Seeßlen die der populären Kultur: Entertainment, Kino, Cartoons, Werbung, die Welt der Shows und Events. Hier geht es nicht um Vernunft, Argumente und Fakten, sondern um Gefühle, Bilder und Effekte. Emotion ersetzt Logik.

Kämpferische Kampagne

In der ersten Welt, in der ersten Erzählung, hätte ein Donald Trump nie eine Wahl gewinnen können, deshalb musste er ihre Spielregeln permanent in Frage stellen, resümiert Seeßlen.

Er agierte mit Angriffen, mit Beleidigungen, liess alles Faktische kaum gelten. Er stellte den Kampf gegen die erste Erzählung, gegen das politische Establishment, in den Mittelpunkt seiner Kampagne.

So spielte er auf der Klaviatur der Gefühle, nicht in der Arena der Vernunft und des Diskurses. «Pop ist an die Stelle der Wirklichkeit getreten», schreibt Georg Seeßlen.

Der Brand «Trump»

Donald Trump ist kein Politiker, er ist ein Popstar, eine Marke. Seine Bauten, seine Immobilien, sein Helikopter, sein Flugzeug – alles trägt seinen Namen.

Und wie alle modernen Popstars lebt er, so beschreibt ihn Georg Seeßlen, «von einer irrwitzigen Authentizität einerseits, und andererseits bedient er sich skrupellos am Fundus der Kultur, am Fundus der Ästhetik, der Werbung.»

So wird er zur Kunstfigur, die in dieser Identität aufgeht und sich dabei unterschiedlicher Vorbilder bedient.

Seeßlen sieht Trump als Volksheld – als eine Mischung aus Robin Hood, der für die Entrechteten kämpft, indem er America wieder great machen will und Billy the Kid, dem Rebell aus gekränkter Ehre. Er ist ganz der Sheriff aus einem Western, der für Recht und Ordnung sorgt, indem er sein America durch eine Mauer schützen will.

Zwischen Volksheld und Tycoon

Gleichzeitig verwirklicht er den Traum vom Selfmademan. Er agiert wie ein Tycoon, brutal, mit Tricks, doch immer lächelnd. Er gibt aber auch den Hochstapler, der die Sprache beherrscht und so Illusionen schaffen kann. Genau diese Ambivalenz zwischen Volksheld und Tycoon beschreibt Seeßlen in seinem Essay.

Wenn er in einer Fernsehdebatte wie ein gehetztes Tier seine Rivalin Hillary Clinton umkreist, sich in den Windschatten der TV-Kameras drängt, dann wirkt er wie ein Monster, findet Seeßlen. Mehr noch: Wie ein Darth Vader der Konservativen, der sich aber gern mit vollbusigen Miss Americas zeigt, in der Rolle des Sugardaddys, der mit Geld alles haben kann.

Ein Popstar kapert die Politik

Wen wundert es, dass dem Popstar Trump Fakten egal sind oder durch «alternative Facts» ersetzt werden können. Es geht ihm, wie allen Populisten, um Gefühle, Stimmungen und Ausgrenzung. «Ein Mediengespenst» nennt Georg Seeßlen den neuen US-Präsidenten, der die Politik gekapert hat.

Sein Kampfmittel ist die Ignoranz, das Nicht-Wissen, das Verleugnen des Faktischen: «Donald Trump als zeitgemässe Variation des Volkshelden hat gewonnen, nicht obwohl, sondern gerade weil er gegen Vernunft, Moral und Geschmack antrat», schreibt Seeßlen.

Was bringt die Zukunft?

Im Nachklang seines Essays stellt Georg Seeßlen Fragen, die man nicht beantworten kann, oder vor deren Antworten man sich fürchten sollte: «Was ist, wenn die Demokratie nicht weiter mehrheitsfähig ist?» Wenn der Trumpismus siegt? «Was ist, wenn die Rechte von Frauen und Queeren, von Dissidenten und Kritikern, von Flüchtlingen und Migranten, nicht mehr gelten sollen, weil ‹das Volk› und ‹der Markt› es so nicht mehr wollen?»

Georg Seeßlens Fragen treffen in das Innerste unserer Demokratie, die – so scheint es im Moment – der Aggression eines Donald Trump ausgeliefert ist. Seeßlens Ausblick ist düster und befreiend zugleich: «Die Demokratie ist nicht zu retten. Es sei denn, man würde sie neu erfinden.»

Sendung: SRF 1, Kulturplatz, 5.4.2017, 22:25 Uhr

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Buchhinweis

Georg Seeßlen: «Trump! POPulismus als Politik», Bertz und Fischer Verlag, 2017.

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