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Propaganda oder Integration? Türkischunterricht in Schweizer Klassenzimmern sorgt für Unmut

Tausende Schüler nehmen freiwillig am Türkischunterricht in der Schweiz teil. Ankara stellt die Lehrer und bestimmt den Lehrplan. Die Behörden sehen aber keinen Grund zum Handeln.

Ein Mädchen schreibt im Türkischunterricht in Deutschland Vokabeln auf.
Legende: Kinder türkischer Eltern können in der Schweiz freiwillig ihre Erstsprache vertiefen. Getty Images
  • Kindern von Türken und Türkinnen in der Schweiz können über freiwilligen HSK-Unterricht ihre Muttersprache lernen.
  • Weil dieser Unterricht von Ankara mitfinanziert wird, befürchten Kritikerinnen, dass er für Propaganda missbraucht wird.
  • Die Erziehungsbehörden dementieren die Vorwürfe: Die türkischen Lehrinnen und Lehrer seien vielmehr Brückenbauer.

Drei Buchstaben sorgen für Sprengstoff in den türkisch-schweizerischen Beziehungen: HSK. Die Abkürzung steht für «Heimatliche Sprache und Kultur» – Unterricht, der in Schweizer Klassenzimmern in türkischer Sprache stattfindet (siehe Textbox rechts).

Ankara diktiert den Lehrplan

Der HSK-Unterricht ist dem Zugriff der kantonalen Erziehungsdepartemente entzogen. Ankara sendet türkische Lehrerinnen und Lehrer in die Schweiz. Bezahlt werden die Kurse ebenfalls von der Türkei (siehe Textbox unten). Und den Lehrplan diktiert das türkische Erziehungsministerium.

Basler Politikerinnen wie Beatrice Messerli oder Heidi Mück, beide vom Grünen Bündnis, sorgen sich um die Zukunft der Türkei: Das Verfassungsreferendum hat Präsident Erdogan gerade in seinem autokratischen Kurs bestätigt. Dass Erdogans langer Arm bis in Schweizer Klassenzimmer reichen soll, ist aus Sicht der Basler Politikerinnen ein Unding.

Mehr Kontrolle gefordert

Die Grossrätin Messerli fürchtet, Türken würden in der Schweiz bespitzelt. Sie reichte daher eine Interpellation ein. Im Zuge dessen wollte Messerli auch wissen, ob der Basler Regierungsrat sich vorstellen kann, den HSK-Unterricht in einen staatlichen Unterricht unter Schweizer Aufsicht umzuwandeln.

Die Antwort kam postwendend: Nein. Es sei zu aufwändig und zu teuer, den HSK-Unterricht selbst zu stemmen. Laut Erziehungsdepartement sind allein für den türkischen HSK-Unterricht drei Männer und sieben Frauen tätig, teilweise mit vollen Pensen.

Schweiz als Insel der Seligen?

Messerli ist mit der Antwort unzufrieden. Sie kann sich nicht vorstellen, dass die Schweiz eine Insel der Seligen sein soll, während etwa die deutsche Kultusminister-konferenz Probleme mit dem Türkischunterricht einräumt. Messerlis Vorwurf: Das Basler Erziehungsdepartement schaue nicht genau hin und bekomme nicht alles mit.

Eine Alevitin, die nicht namentlich genannt werden will, berichtet denn auch gegenüber SRF, sie kenne viele Familien, die ihre Kinder vom türkischen HSK-Unterricht abgemeldet hätten – wegen dessen tendenziöser und propagandistischer Haltung.

Vorwürfe seien haltlos

Silvia Bollhalder, im Kanton Basel-Stadt für die HSK-Kurse verantwortlich, widerspricht. Zwar könne sie die Ängste und Vorbehalte verstehen. Allerdings entbehrten diese jeglicher Grundlage.

Die von Ankara entsandten türkischen HSK-Lehrerinnen und Lehrer in Basel verteidigt sie vehement: «Sie sind modern und europanah. Sie verstehen sich als Integrationshelfer und Brückenbauer. Viele von ihnen verfolgen die aktuelle Entwicklung in der Türkei mit grosser Sorge», meint Bollhalder.

Einige würden sich gar selbst gefährden, weil sie nicht stramm hinter dem konservativen AKP-Kurs stünden. Die Lehrerinnen seien «europäisch ausgerichtete, gut gebildete, moderne Frauen», die auch kein Kopftuch trügen, sagt Bollhalder.

Entwicklung weiter beobachten

Der Kanton Zürich meldet auf Anfrage keine Probleme mit dem Türkischunterricht. Der Bund sieht ebenfalls keinen Handlungsbedarf. «Wir haben keine Kenntnis von Problemen», teilt das Generalsekretariat der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) mit.

Beatrice Messerli und ihre Mitstreiterinnen, denen der HSK-Unterricht unter türkischer Flagge ein Dorn im Auge ist, wollen nun abwarten, wie sich die Türkei weiter entwickelt – und ob im Zuge des politischen Wandels womöglich das Lehrpersonal in der Schweiz ausgetauscht wird.

Danach sehe es, meint Silvia Bollhalder, derzeit aber nicht aus. Neue Lehrkräfte würden aber vom Basler Erziehungsdepartement «selbstverständlich genau» angeschaut.

Sendung: Radio SRF 1, Regionaljournal Basel, 19.04.2017, 17:40 Uhr

71 Kommentare

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  • Kommentar von M. Berger (Mila)
    Zu "Wer bezahlt HSK?" Die Frage ist nicht, ob die Türkei oder das Schw. EzD. die Kosten tragen, sondern, ob die Einmischung in unsere Lehrpläne vom Ausland her erlaubt werden soll. -- Absolut unverständlich! Jedermann, ob Türken oder nicht, steht es frei, die Kinder zuhause zu unterrichten. -- M.E. rein politische Ziele! Mir noch sehr präsent, wie schon vor mehr als 20 Jahren aus der Türkei verkündet wurde, die türkische Kultur von China bis zum Atlantik über TV und Sprache zu verbreiten.
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  • Kommentar von Karl Suter (glaubenstreu)
    Hanspeter Müller (HPMüller), Bern) Herr Müller, diese Kriege haben sehr viel mit türkisch zu tun, da das damalige Grossreich Türkei (die sprechen türkisch), das christliche Abendland erobern wollte, um den islamischen Glauben gewaltsam uns aufzuzwingen. Die jetzige Strategie der Türkei (Erdogan) geht viel humaner vor. Mit der Völkerwanderung, insbesondere des Islam und dazu gehört halt (türkisch), geht es nur noch einige Jahrzehnte, dann ersetzt der Islam das Christentum. Lesen sie den Koran.!
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Herr Suter, Erstens, Sie scheinen in Ihrem Glauben nicht sehr gefestigt zu sein, wenn Sie meinen Gott lasse zu, dass das Christentum einfach so verdrängt werden kann. Zweitens war nicht nur das Osmanische Reich kriegerisch tätig, die Kreuzzüge gingen von Christen aus, da bleiben sich die beiden Glauben bisher nichts schuldig.
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    2. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Und drittens haben Sie immer noch meine Frage nicht beantwortet was die Türkische Sprache mit den Türken-Kriegen zu tun hat, wenn Deutsch nichts mit dem 2. WK zu tun hat. Oder anders wieso sie Türkischunterricht mit Hinweis auf Verbrechen in Kriegen vor 400 Jahren verbieten wollen, aber sogar selber Deutsch kommunizieren, wenn der 2. WK doch ziemlich einseitig vom DR aus ging mit X Mio Toten und Vertriebenen.
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  • Kommentar von Christa Wüstner (Saleve2)
    Kann dieser Beitrag nicht unter Schweiz gestellt werden.? Es würden sich sicher mehr daran beteiligen. Ichfinde, es geht hier nicht nur um Sprachunterricht sondern um ein Thema, welches ein starkes Eindringen in unsere Kultur ist. Mit anderen Kulturen zusammen leben ja, aber nicht auf diese Weise es versuchen.
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    1. Antwort von SRF Kultur
      Danke für den Hinweis. Der Bericht stammt aus der Redaktion Religion, die zur Kultur gehört. Aber Sie haben recht – das Thema würde ebenso gut in die Rubrik «Schweiz» passen. Wir melden es weiter.
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