Über den Mut, hervorzutreten und nicht auszuweichen

Für Platon war Mut eine Kardinaltugend des Menschen. Und gemäss Aristoteles kann nur der mutige Mensch wahrhaft glücklich werden. Gilt das auch heute noch? Wo liegt die Grenze zwischen Übermut und Feigheit in Zeiten der Risikogesellschaft? Ein Interview mit der Philosophin Dagmar Borchers.

Ein Mann stellt sich 1989 auf dem Tian'anmen Square in Peking einer Kolonne von drei Panzern in den Weg.

Bildlegende: Der Mut, sich zu stellen, selbst unter hohem Risiko: Aufnahme vom 5. Juni 1989 auf dem Tian'anmen Square in Peking. Reuters

Dagmar Borchers, was ist eigentlich eine Tugend?

Aristoteles definiert Tugend als eine auf Überlegung begründete, auf einer Entscheidung beruhende Haltung. Es ist die Entscheidung, in einer bestimmten Hinsicht exzellent sein zu wollen, also zum Beispiel aufrichtig, gerecht oder eben mutig. Ein tugendhafter Mensch erkennt – ohne gross darüber nachdenken zu müssen – in welcher Situation Mut oder Fairness geboten sind und handelt entsprechend. Wir bewundern tugendhafte Menschen dafür, dass sie sich bestimmte Haltungen zu eigen gemacht haben und sich in diesem Sinne vorbildlich verhalten – verlässlich und ganz selbstverständlich.

Porträtaufnahme der Philosophin Dagmar Borchers.

Bildlegende: «Mut bedeutet, mit Worten und Taten klar zu machen, was man für richtig hält», sagt Philosophin Dagmar Borchers. ZVG

Warum beschäftigen Sie sich als Philosophin und Ethikerin mit Tugenden?

Tugend oder tugendhaftes Verhalten – das klingt zunächst ein bisschen altmodisch. Tatsächlich spielen Tugenden aber in unserem moralischen Denken und Urteilen eine zentrale Rolle. Wir sprechen über Tugenden, wenn wir darüber nachdenken, wie wir sein wollen oder wie wir uns einen guten Freund vorstellen, einen guten Lehrer oder vorbildliche Eltern. Und eine Gesellschaft verständigt sich über ihre zentralen Werte, die die Grundlagen des Zusammenlebens bilden sollen, auch oft in Tugendbegriffen. Gerechtigkeit, Solidarität oder Zivilcourage sind Beispiele dafür. Über Tugenden nachzudenken heisst mithin, über das gute Leben nachzudenken, darüber, welche Haltungen und Einstellungen ein glückliches Leben ermöglichen könnten – sowohl für den einzelnen als auch für eine Gemeinschaft.

Mut war für Platon und Aristoteles – neben der Mässigung, der Vernunft und der Gerechtigkeit – eine der wichtigsten Tugenden des Menschen: Weder der feige, noch der draufgängerische Mensch werde glücklich. Was aber ist Mut und warum ist er so wichtig für unser Glück?

Mut bedeutet meiner Ansicht nach, sich zu stellen; für die eigenen Überzeugungen einzustehen und sich für sie einzusetzen, auch wenn damit ein hohes persönliches Risiko verbunden ist. Mut bedeutet, nicht auszuweichen, sondern hervorzutreten und mit Worten oder Taten klar zu machen, was man für richtig hält. Mut bedeutet also notwendigerweise, Verantwortung zu übernehmen. Mutig zu sein, heisst, etwas zu wagen, weil man denkt, dass es gut und richtig sei – auch wenn es schwierig ist und der Erfolg unsicher. Mut führt dazu, sich für eine bestimmte Sache oder für andere Menschen einzusetzen. Damit ist deutlich, dass Mut eine ganz wichtige Tugend ist.

Ist Mut lernbar? Können ängstliche und feige Personen sich Mut antrainieren?

Schon in der Antike war man der Ansicht, dass Tugenden in der Erziehung vermittelt werden müssen und dass es viel (Lebens-)Erfahrung braucht, bis man wirklich ein tugendhafter Mensch ist. Das spricht für die Trainings-These. Wenn man Mut grundsätzlich befürwortet und mutig sein möchte, wird man auch an sich arbeiten wollen.

Furcht oder Angst sind aber tief verwurzelte, starke Gefühle. Deshalb bin ich skeptisch, ob man seine persönlichen Grenzen hier stark verschieben kann. Oft erlebt man aber, dass auch furchtsame Menschen grossen Mut entwickeln können, wenn eine starke Überzeugung hinter ihrem Handeln steht. Menschen können in bestimmten Situationen über sich hinauswachsen.

Der Soziologe Ulrich Beck meint, wir würden in einer Risikogesellschaft leben, da die komplexen Folgen unserer Entscheidungen kaum noch vorhersehbar seien. Hat uns diese Allgegenwärtigkeit des Risikos mutiger gemacht? Können wir heute gar nicht anders als mutig zu sein?

Die These, dass wir heute quasi «notgedrungen» risikofreudiger geworden sind, halte ich für sehr plausibel. Das ist aber eine soziologisch-psychologische Aussage, die ich als Philosophin eigentlich nicht kompetent beurteilen kann. Wenn wir über Mut als Tugend reden, sprechen wir über etwas anderes: Hier geht es im aristotelischen Sinne darum, sich bewusst für eine bestimmte Haltung zu entscheiden, weil man sie aus verschiedenen Gründen für wichtig und gut hält. Das können moralische und aussermoralische Gründe sein. Wenn wir gar nicht anders können, handelt es sich nicht um eine Tugend, um eine bewusst eingenommene Haltung.

Wie deuten Sie die zunehmende Attraktivität von Extremsportarten, von Bungeejumping über Freeclimbing bis hin zu River Rafting? Müssen wir damit etwas kompensieren?

Nach meinem Verständnis geht es dabei darum, die eigenen Grenzen kennenzulernen und eine intensive körperlich-emotionale Erfahrung zu machen. Es handelt sich hier um eine Aktivität, die individuell bereichernd sein soll. Möglicherweise wollen wir damit eine gewisse Erlebnis- und Erfahrungsarmut kompensieren. Das Risiko wird einerseits bewusst gesucht, es soll aber andererseits minimal und keinesfalls lebensbedrohlich sein. Maximale Kontrolle und Sicherheit sind erwünscht und werden erwartet.

Man kann sagen, es sei mutig, diese Dinge zu tun. Im Kern geht es darum, seine Angst zu überwinden. Allerdings handelt es sich hier um Mut im aussermoralischen Sinne; nicht darum, für persönliche Überzeugungen einzustehen oder für etwas zu kämpfen. Aber die Fähigkeit, Angst zu überwinden, kann dafür ein wichtiger erster Schritt sein.

In arabischen Ländern gehen die Menschen auf die Strasse, um für ihre Lebensideale zu kämpfen. Das braucht Mut. Fehlt uns Zuschauern des Weltgeschehens diese Art von Mut?

Das ist eine offene Frage. Ob und inwiefern Mut vorhanden ist, zeigt sich, wenn er gefordert ist. Man kann nur hoffen, dass auch hier viele Menschen mutig für ihre Überzeugungen einstehen und sich für das Gemeinwohl und andere Menschen mutig engagieren würden, wenn das nötig ist. Mut als generelle Haltung zu befördern, ist sicherlich ein wichtiges Ziel in der Erziehung: Wir brauchen ihn, um individuell im Leben bestehen und neue Entwicklungen in unserem persönlichen Leben zulassen und gestalten zu können. Und wir brauchen ihn, um als Gesellschaft zukunftsfähig, innovativ und kreativ zu sein und zu bleiben. Es sind die mutigen Menschen, die die Dinge voranbringen – Menschen wie zum Beispiel Martin Luther King.

Zur Person

Dagmar Borchers ist Professorin für Angewandte Philosophie an der Universität Bremen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Angewandten Ethik (Bioethik, Tierethik), dem Theorienvergleich in der Ethik (u.a. Kritik der modernen Tugendethik) sowie in der Politischen Philosophie (u.a. Probleme liberaler multikultureller Gesellschaften).

Literatur von Dagmar Borchers

«Die neue Tugendethik – Schritt zurück im Zorn?». Mentis Verlag 2001.

«Moralische Exzellenz – eine Einführung in die Tugendethik», in: Ach, J./Bayertz, K./Siep, L. (Hg.): «Grundkurs Ethik», Band I Grundlagen. Mentis Verlag 2008.

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