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Ungleiche Welt «Ungleichheit für sich genommen ist keineswegs schlecht»

Acht Superreiche besitzen zusammen genauso viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Doch neuere Zahlen des Ökonomen Branko Milanovic belegen: Global betrachtet wird die Einkommensschere kleiner. Dem westlichen Mittelstand ist damit aber nicht geholfen.

Legende: Video Lisa Herzog: Was ist schlecht an Ungleichheit? abspielen. Laufzeit 59:05 Minuten.
Aus Sternstunde Philosophie vom 26.02.2017.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Laut Ökonom Branko Milanovic fühlt sich der Mittelstand westlicher Länder abgehängt und möchte das Rad des Fortschritts und der Globalisierung zurückdrehen.
  • In der Philosophie nimmt man sich dem Thema Ungleichheit wieder vermehrt an. Manche finden, Ungleichheit sei keineswegs schlecht.
  • Das Problem der wirtschaftlichen Ungleichheit liege darin, dass sie in Politik und Bildung ungleiche Chancen schafft, sagt Lisa Herzog.

Laut einer Studie des diesjährigen World Economic Forums (WEF) ist die wirtschaftliche Ungleichheit eine der grössten Herausforderungen der Weltwirtschaft. Barack Obama sieht in ihr gar «die grösste Gefahr für unsere Demokratien». Der britische Politologe Colin Crouch sprach schon 2004 von «Postdemokratie» und meinte, die Welt werde von einer kleinen Elite aus der Finanzwelt und Politik regiert. Demokratie, eine Farce.

Karl Marx reloaded

Die kritischen Stimmen zur Ungleichheit häufen sich. Spätestens seit dem Erscheinen des «Kapital im 21. Jahrhundert» des französischen Ökonomen Thomas Piketty ist das Thema wieder in aller Munde. Aus Pikettys Sicht gehört die zunehmende Ungleichheit wesentlich zum Kapitalismus. Wer hat, dem wird gegeben. Die Schere der Vermögen geht nach Piketty insbesondere deswegen auseinander, weil man mit Geld mittlerweile mehr Geld machen kann als mit Arbeiten. Er fordert daher eine globale Vermögenssteuer.

Ein Abbild der Elefantengrafik.
Legende: Die Elefantengrafik von Milanovic zeigt, dass die Einkommensungleichheit weltweit betrachtet abnimmt. SRF

Ein Elefant erklärt die Globalisierung

Doch wenn man die globale Perspektive wählt und dabei nicht auf die Vermögen, sondern auf die Einkommen schaut, stellt man überrascht fest: «Insgesamt ist die Welt heute ökonomisch betrachtet ein gerechterer Ort als früher.» Das meint Branko Milanovic.

Der serbisch-US-amerikanische Ökonom hat 20 Jahre für die Weltbank gearbeitet und zählt zu den wichtigsten Forschern, wenn es um die Ursachen und Folgen von sozialer Ungleichheit geht.

Vor Kurzem erschien sein Buch «Die ungleiche Welt» auf Deutsch. Berühmt wurde Milanovic durch seine Elefantengrafik, Link öffnet in einem neuen Fenster, die zeigt, dass die Einkommensungleichheit weltweit betrachtet abnimmt, dank der Globalisierung und des Wachstums in Schwellenländern, insbesondere in Asien.

Der westliche Mittelstand hat Angst

Doch es gibt auch Globalisierungsverlierer. Aus Milanovics Sicht ist das der untere Mittelstand westlicher Länder, etwa der USA, Deutschlands oder der Schweiz. Die Elefantengrafik zeigt an dieser Stelle eine starke Vertiefung, ja sogar ein negatives Einkommenswachstum. Dieser Knick im Rüssel des Elefanten erklärt nach Milanovic den Brexit und Trump.

Der Mittelstand fühlt sich abgehängt und möchte das Rad des Fortschritts und der Globalisierung zurückdrehen. Zudem entstehen Ressentiments, da die Einkommensungleichheit innerhalb der Staaten zugenommen hat, wie der Autor ebenfalls zeigt. Der Lohnschere öffnet sich immer weiter, was mit dem technologischen Fortschritt, aber auch mit der Globalisierung und der Verlagerung von Arbeitsstellen und Kapital in Billiglohnländer zu tun hat.

Was ist schlecht an Ungleichheit?

Auch die Philosophen nehmen sich dem Thema Ungleichheit wieder vermehrt an. Im letzten Jahr erschien ein kleines rotes Buch bei Suhrkamp, mit dem Titel «Ungleichheit – Warum wir nicht alle gleich viel haben müssen». Der renommierte Autor Harry Frankfurt versucht darin zu zeigen, warum Ungleichheit für sich genommen keineswegs schlecht ist. Das Problem sei nicht, dass nicht alle gleich viel besitzen, sondern dass nicht alle genug haben.

Geld schafft Chancen

Ökonomin und Philosophieprofessorin Lisa Herzog hält wenig von Frankfurts Argumenten, schliesslich liege das grosse Problem der wirtschaftlichen Ungleichheit darin, dass sie ungleiche Chancen schafft, etwa in der Politik, beispielsweise durch Parteispenden, aber auch in der Schule oder gar vor Gericht. In der Bildung sieht die Philosophin jedoch einen Schlüsselfaktor für Chancengleichheit. Hier müsste die Gesellschaft, wie Herzog in der «Sternstunde Philosophie» ausführt, bereits durch «frühkindliche Bildung» verhindern, dass Kinder aus sozial schwachen Schichten ins Hintertreffen geraten.

Sendung: SRF 1, Sternstunde Philosophie, 26.2.2017, 11:00 Uhr.

Kluft zwischen Arm und Reich

Bücherhinweise

  • Harry G. Frankfurt: «Ungleichheit. Warum wir nicht alle gleich viel haben müssen», Suhrkamp, 2016.
  • Lisa Herzog: «Freiheit gehört nicht nur den Reichen. Plädoyer für einen zeitgemässen Liberalismus», C.H. Beck, 2013.

  • Branko Milanovic: «Die ungleiche Welt», Suhrkamp, 2016.

  • Thomas Piketty: «Das Kapital im 21. Jahrhundert», C.H. Beck, 2014.

5 Kommentare

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  • Kommentar von Max Blatter (maxblatter)
    Wir sind auf einen vielfältigen Mix von Berufen angewiesen. "Ungleichheit" im Sinne von "Diversität" also: Ja, natürlich! Aber warum soll das mit "Ungleichheit" im Sinne von "Einkommensschere" gekoppelt sein? Das ist aus meiner Sicht nicht nur unnötig, sondern sogar schädlich. Für mich zeigt sich darin der leider oft übersehene Unterschied zwischen a) freier Marktwirtschaft (bewährtes Gesellschaftsmodell) und b) dogmatischem Kapitalismus (genau so überholt wie der Sozialismus).
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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Das soziale Elend, fängt bei den "volksfremden, unchristlichen, unsozialen" - von den Volks-Steuergeldern sehr gut entlöhnten und fette Lebensrenten kassierenden - Regierungen und PolitikernInnen an, welche sich primär seit Jahren, um Eigeninteressen-Verfolgung, Bereicherung mittels lukrativer VR-Mandate kümmern und damit Lobbyismus und Vetternwirtschaft betreiben!! Das muss sich ändern - auch in der Schweiz!!!
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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Die Situation der extremen Lohnschere, kann nur von einer echten, ehrlichen Politik, zum Wohl des Volkes relativiert werden und damit auch von der Wirtschaft! Aber egoistische Profitgier, Lobbyismus, Vetternwirtschaft (lukratrive VR-Mandate)und Eigeninteressen verfolgende PolitikerInnen, sind weit davon entfernt, sich für eine entsprechend "volksfreundliche" Politik, zu engagieren!! Die Realität zeigt dies deutlich - weder christlich, sozial, oder gar volksnah!!
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