Das Herz in der Theologie Unser Herz schlägt zwischen Leben und Tod

Wenn unser Herz nicht mehr funktioniert, macht das Angst. Der Spitalseelsorger Thomas Wild kann die existentielle Not von Herzpatienten gut nachvollziehen. Dennoch sei jeder Mensch nur einen Herzschlag vom Tod entfernt.

Herz in Baumstamm geritzt.

Bildlegende: «Theologisch gesehen ist das Herz nicht der Sitz der Gefühle, sondern Sitz der Vernunft», sagt der Seelsorger. zach / photocase.de

Thomas Wild ist Theologe und arbeitet seit sieben Jahren als Seelsorger am Inselspital in Bern. Hier begegnet ihm das Leben in seiner vollen Kraft. Und Kraft braucht auch er, wenn er mit Menschen zusammen ist, denen das passiert, was normalerweise nur «den Andern» passiert: Krankheiten, Unfälle, Schicksalsschläge. Er spricht mit Patientinnen, betreut Angehörige, sucht mal mit einem Paar, mal mit einer ganzen Familie Wege, um mit dem, was sie aufs Äusserste fordert, umzugehen.

Dem Tod so nah

Auch zu Herzpatienten wird er gerufen – nach einem Infarkt oder einer Herztransplantation. «Menschen, die einen Herzinfarkt überlebt haben oder nach einer geglückten Transplantation aus der Narkose erwachen, erleben meist erst einmal eine grosse Erleichterung und Dankbarkeit», beschreibt Thomas Wild.

Er fügt aber gleich an, dass die Freude, dass alles gut gegangen sei, auch schnell einer Ernüchterung weichen könne. Denn nicht selten gebe es nach der Herzoperation Komplikationen. «Gerade nach Transplantationen sehe ich oft die Erwartung, dass nun das neue Leben beginne, dass es jetzt endlich wieder so sei wie vor der Krankheit. Aber dem ist nicht so.»

Genesungsgeschichten können Wochen und Monate dauern, sagt der Seelsorger, und sie fordern vom Patienten und von den Angehörigen nochmal viel Geduld und Vertrauen. «Manchmal wird den Menschen erst nach und nach bewusst, wie nah sie dem Tod waren. Erst mit der Zeit realisieren sie die existentielle Herausforderung, die sie zu meistern haben.»

Das Herz so klug

Für Thomas Wild ist das Herz jedoch nicht nur ein Organ, das repariert oder ausgewechselt werden kann. Auch die Symbolik, dass das Herz der Sitz der Liebe sei, findet er zu kurz gegriffen. «Theologisch gesehen ist das Herz nicht der Sitz der Gefühle, sondern der Vernunft. Herzensbildung hat also weniger mit der Entwicklung von grossen Gefühlen zu tun. Viel eher kann man sagen: Wer ein weites Herz hat, verfügt über einen gesunden Menschenverstand.»

Die Anatomie des Lebens

Als einziges Organ können wir das Herz deutlich wahrnehmen. Es reagiert auf Gefühle, auf körperliche Anstrengung oder auf einschneidende Gedanken. Mal schlägt es schnell, mal langsam. Sein Puls passt sich ganz und gar unserem Leben an.

«In unserem Herzen ist aber nicht nur die Vitalität zu spüren, auch der Tod ist ständig präsent», sagt Thomas Wild. Ununterbrochen zieht es sich zusammen und dehnt sich wieder aus, ein steter Wechsel von Anspannung und Entspannung. «Jeder Herzschlag ist erst sicher, wenn er stattgefunden hat. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, das bildet unser Herz anatomisch ab.»

Kein Wunder, betont der Spitalseelsorger, können Störungen im Herzen grosse Angst, ja Todesangst auslösen. «Wenn die Vision in den Prophetenbüchern der Bibel davon spricht, dass Gott uns ein neues Herz schenkt und einen neuen Geist in uns legt, dann heisst das auch, dass wir einen neuen, klaren Blick auf das Leben bekommen. Und ein neues Bewusstsein, dass wir das Leben nicht uns selber verdanken.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Perspektiven, 16.04.2017, 08:30 Uhr

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