Unser Weihnachtsmann ist ein Star aus Hollywood

Von «Ist das Leben nicht schön?» bis «Kevin – allein zu Haus»: Weihnachten ist im Film ein beliebtes Thema. Das hat weitreichende Konsequenzen. Besonders das amerikanische Kino beeinflusst unser Weihnachtsfest. Davon ist Film- und Religionswissenschaftlerin Marie-Thérèse Mäder überzeugt.

Santa Claus auf seinem Schlitten

Bildlegende: Er kommt auf seinem Schlitten geflogen: Bild aus «Santa Claus», dem Hollywoodfilm von 1985. TriStar Pictures

Wie wichtig ist Weihnachten im Film?

Marie-Thérèse Mäder: Den Film ohne Weihnachten gibt es gar nicht. Das Thema Weihnachten ist seit Beginn der Filmgeschichte immer wieder in unterschiedlichen Erzählformen aufgenommen worden.

Das müssen Sie erklären. Meinen Sie mit Weihnachten die Geburt Jesu?

Weniger. Das Geburts-Motiv kommt beispielsweise im Film Ben Hur vor und in Bibelfilmen spielt die Geburt Jesu eine grosse Rolle. Meistens werden im Film allerdings die mit Weihnachten verbundenen populären Rituale aufgenommen. Weihnachten ist im Film ein unglaublich beliebtes Motiv, von «Gremlins 2» bis zu «Die Hard». Der amerikanische Thriller «Die Hard» mit Bruce Willis spielt am Weihnachtsabend. Die Familie kommt zusammen, man hat es schön miteinander. Dieser Einstieg dient als Fallhöhe für eine grosse Dramatik, wenn etwas schief geht.

Die Erzählung «A Christmas Carol» von Charles Dickens ist auch eine Geschichte, die nicht auf die Geburt Jesu bezogen ist, aber in der Weihnachtszeit spielt. Sie handelt von diesem geizigen Scrooge, dem im Traum Geister erscheinen und der dann am Schluss ein guter Mensch wird. Da werden moralische, sehr christliche Themen wie Nächstenliebe aufgenommen.

Welches sind Motive, die Weihnachten nicht als Geburt Jesu, sondern im übertragenen Sinn darstellen?

Es gibt zwei Dimensionen, die ästhetische und die ethische. Bei der ästhetischen Dimension geht es um den Weihnachtsbaum, die Weihnachtskugeln, die Beleuchtung oder die Musik, also Jingle Bells und andere Songs, die man kennt und sofort mit Weihnachten verbindet, wenn man sie hört. Die andere Dimension ist die ethische, das Thema der Nächstenliebe, der Familie, der Harmonie. Diese Dimension verbindet man mit Weihnachten und möchte sie erleben.

Gebratener Truthahn, schön angerichtet auf einer Platte

Bildlegende: Der Truthahn gehört nicht zur Schweizer Weihnachtstradition. Keystone

Wie wirkt der Film auf das Weihnachtsfest?

Gerade der amerikanische Film, die Hollywood-Filme haben einen grossen Einfluss darauf, wie Weihnachten bei uns aussehen muss, rein optisch.

Nämlich?

Zu Weihnachten gehört der Weihnachtsbaum, ein riesiger, üppiger Baum mit roten, weissen und gelben Kugeln, mit viel Gehänge, mit vielen Geschenken darunter. Zu Weihnachten gehört ein Truthahn. Truthahn, also «turkey», das ist ein Essen, das es bei uns in der Schweiz ursprünglich nicht gab. Dies alles zeigt, wie das Weihnachtsfest hier in den Familien geprägt ist vom Film – vom amerikanischen Film.

Verdanken wir den Weihnachtsmann Hollywood?

Ja, «Santa Claus» definitiv. In katholischen Gebieten kommt der Sankt Nikolaus am 6. Dezember. Das ist der Heilige Nikolaus, der gut zu den Kindern schaut. Santa Claus im amerikanischen Film hingegen kommt in der Nacht vom 24. zum 25. Dezember anstelle des Christkindes durch den Kamin und bringt die Geschenke. Das «Phänomen Santa Claus», also seine ganze Aufmachung, ist eine Imagination des amerikanischen Films. Sie wird bei uns aufgenommen, wenn am 6. Dezember die Kläuse mit einer Zipfelmütze durch die Städte gehen.

Da wirkt also der Film: Es ist nicht mehr der Heilige Nikolaus mit der Mytra, sondern der Weihnachtsmann mit der Zipfelmütze!

Ja, der lustige Dicke, mit der dicken Nase. Es ist nicht mehr der Heilige Nikolaus, eine Autoritätsperson, die mit dem Göttlichen in Verbindung gebracht wird. Es ist eine Figur, die mit Konsum in Verbindung gebracht wird, eine Figur aus der Unterhaltung.

Ist der Weihnachtsmann ein Klon von Christkind und St. Nikolaus?

Ja, das könnte man so sehen, er bringt als Nikolaus am 6. Dezember einfach die Geschenke zu früh. Ein ökonomischer Klon sozusagen.

Wie beeinflusst das Kino Weihnachten auch noch?

Eine weitere Rückwirkung ist das Filmschauen als Ritual an Weihnachten. Die Filmindustrie produziert eine Menge Filme auf Weihnachten hin. Sie will vom Zeitfenster profitieren, welches die Menschen zur Verfügung haben. Man schaut an Weihnachten als Familie einen Film: Den Märchenfilm «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel», die Romanverfilmung «Der kleine Lord» oder aktuell die britische Fernsehserie «Downton Abbey». Alle können darüber diskutieren. Man kann gemeinsam lachen und weinen. Heute hat man die grossen Screens, das kann zum Heimkino werden.

Klingt nach einer positiven Rückwirkung des Films auf Weihnachten.

Ja, auch für Menschen, die einsam sind. Fernsehen kann eine soziale Aufgabe übernehmen. Religion ist heute Privatsache, besagen viele Thesen. Man spricht hier in der Schweiz und in Mitteleuropa nicht mehr öffentlich über die eigene religiöse Zugehörigkeit. Das ist in Amerika ganz anders. Eigentlich sorgt der Film dafür, dass dieses Fest wieder einen Platz in der Öffentlichkeit hat. Niemand hat Hemmungen, zuhause einen Weihnachtsbaum aufzustellen und das Haus zu schmücken. Das finde ich bemerkenswert in einer Gesellschaft, von der man sagt, sie sei säkularisiert.

Was steht für 2013 an, gibt es neue Weihnachtsfilme?

Der angekündigte Fantasy-Film «Noah» wird bereits viel diskutiert, greift aber nicht ein eigentliches Weihnachtsthema auf. Dann sind drei oder vier typische Familienfilme angekündigt. Die Verleiher haben für die Premiere nicht zufällig den Monat Dezember gewählt.

Eine Trickfilmzeichnung. Zwei Männer sprechen miteinander.

Bildlegende: Eine von vielen Verfilmungen von «A Christmas Carol», der beliebtesten Weihnachtsgeschichte. Walt Disney Studios (2009)

Weihnachten ist jedes Jahr, Filme werden wiederholt.

Ja, das hat eben mit dem Ritual zu tun. Ein Ritual lebt von der Wiederholung. Ich kenne Leute, die schauen jedes Jahr an Weihnachten «The Family Stone», eine typische amerikanische Weihnachtsgeschichte. Die Filmkomödie «Love actually» ist auch so ein Renner. Das Fernsehschauen wird zum Ritual.

Welches ist der erfolgreichste Weihnachtsfilm?

Als Geschichte ist «A Cristmas Carol» von Charles Dickens in den verschiedensten Fassungen mindestens zwanzig Mal verfilmt worden, vom Stummfilm bis zur Version mit Motion-Capture-Technik mit Jim Carrey. Es ist einer der erfolgreichsten Weihnachtsfilme. «Santa Claus» ist auch ganz vorne dabei.

Zur Person

Marie-Thérèse Mäder hat Philosophie, Filmwissenschaft und Religionswissenschaft studiert. Sie ist Oberassistentin am Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik der Universität Zürich. Sie hat zum Thema Film und Religion promoviert.

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