Unsterblich dank der Cyberwelt?

Cybertheoretiker wollen alles Menschliche überwinden. Der Körper: Bloss ein lästiger Zusatz. Ewig leben soll nur der Geist. Diese Cybertheorien lehnen sich an religiöse Bilder der Weltreligionen, sagt Religionsphilosoph Klaus Müller. Die Rückschlüsse daraus seien aber ganz anders.

Eine Frau hält eine Art Maske in der Hand, die aber ihr eigenes Gesicht ist. Es ist verbunden mit Kabeln, die aus ihrem Kopf kommen.

Bildlegende: Transhumanisten sehen den menschlichen Körper als einzigen Wassersack – und bevorzugen Mensch-Maschinen. Colourbox

Cyberphilosophen vergleichen die technischen Möglichkeiten des Internets mit Pfingsten. Die Pfingstgeschichte erzählt, dass mit dem Kommen des Heiligen Geistes die Sprachbarrieren gefallen sind. Alle Anwesenden, egal welcher Muttersprache, verstanden plötzlich die Worte der Apostel, die die Botschaft Christi verkündeten. Genau dasselbe stellt heute für die Cybertheoretiker das weltweite Netz dar. Kommunikation grenzenlos.

Der Religionsphilosoph Klaus Müller beobachtet die Cyberwelt seit Langem. In seinem Buch «Endlich unsterblich. Zwischen Körperkult und Cyberworld» beschreibt er verschiedene Beispiele, wie sich Cybertheoretiker an Begriffen und Bildern der Weltreligionen bedienen. Sie gehen dabei noch weiter und bezeichnen ihre Technologie als neue Weltreligion.

Der Leib ist bloss Ballast

In der virtuellen Welt ist alles möglich. Jeder kann sein eigener Schöpfer sein. Man kreiert Kunstfiguren und gibt ihnen eine eigene Identität. Das ist aber erst der Anfang. Die Zukunftsvision der Transhumanisten oder «Extropianisten», wie sie sich selbst nennen, ist der körperlose Geist.

Die Cybertheoretiker träumen von Allmacht. Dazu gehört auch die Unsterblichkeit. Im Streben nach dem ewigen Leben sieht Klaus Müller weitere Parallelen zu den monotheistischen Weltreligionen, dem Judentum, Christentum und Islam. Diese glauben an ein ewiges Leben nach dem Tod. Die Cyberphilosophen suchen die Unsterblichkeit im Diesseits. Anstelle von Menschen mit Leib und Seele sollen Mensch-Maschinen erschaffen werden. Denn der Körper ist nur noch eine Last. Er ist krank und hässlich, schwach und zerbrechlich. Und irgendwann stirbt er.

Gefangen im Dschungel

Die Transhumanisten können dem Leib nichts Gutes abgewinnen. Sie bezeichnen ihn als «Stück Fleisch», als «Wetware», was soviel wie «Feuchtausstattung» bedeutet, oder gar als «Wassersack».

Klaus Müller verdeutlicht in seinem Buch die Haltung der Transhumanisten mit folgendem Zitat: «Dieser Primatenkörper, der sich in den letzten vier Millionen Jahren nicht verändert hat, kann mit den Visionen unseres Geistes nicht Schritt halten. Unser Geist ist draussen im Universum, greift nach den Sternen und nach der Unsterblichkeit, und diese armseligen, schlampigen Körper fesseln uns hier unten an den Dschungel.»

Die Schwachen: ein Störfaktor

Gefangen im Körper, kann der Mensch sein geistiges Potenzial nicht ausschöpfen, so die Meinung der Transhumanisten. Besonders bedrohlich für diese Futuristen seien die Körper der Alten, Kranken und Behinderten, schreibt der Religionsphilosoph Klaus Müller. Die Schwachen würden als reine Störfaktoren angesehen, die mit ihrem Dasein den Fortschritt behindern. Auch die Religionen, die Arme und Kranke verteidigen und schützen, sind diesen Cybertheoretikern ein Dorn im Auge. Denn sie unterstützen mit den Begriffen wie Mitleid und Nächstenliebe die Integrität und den Wert des Leibes.

Klaus Müller

Klaus Müller, geboren 1955, ist römisch-katholischer Priester und Professor für Fundamentaltheologie und Religionsphilosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.

Buchhinweis

Klaus Müller: «Endlich unsterblich. Zwischen Körperkult und Cyberworld». Butzon & Bercker, 2011.