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Gesellschaft & Religion Unterschätzt und belächelt – und trotzdem boomen Pfingstkirchen

Die ekstatisch-religiöse Pfingstbewegung hat bei uns einen schlechten Ruf. Doch weltweit wächst das «neue Christentum» in rasantem Tempo. Vor allem Menschen in Slums, die sich als Verlierer der Globalisierung sahen, gibt die Pfingstkirche neue Hoffnung.

Eine Gruppe von Menschen, die betet. In der Mitte ein Mann, der beide Arme gegen den Himmel ausstreckt.
Legende: Eine religiöse Bewegung lockt weltweit 600 Millionen Menschen in die Kirche – wie hier in Singapur. Reuters

In vielen Grossstädten, in den Slums der Entwicklungs- und Schwellenländer, entstehen neue kleine und grosse Kirchen mit pfingstlicher Ausrichtung. Die Grosskirchen der Bewegung werden wegen der schieren Masse von Gläubigen «Megachurches» genannt. Der Begriff «Pfingstkirche» verweist auf das christliche Pfingstfest, denn der Heilige Geist ist in dieser Bewegung allgegenwärtig. Angehörige von Pfingstkirchen sind bekannt für Wunderheilungen, für das Reden in Zungen; in ihren Predigten und Gottesdiensten spielt der Glaube an Dämonen und Teufel eine gewichtige Rolle.

Explosionsartiges Wachstum

Geschätzte 600 Millionen Menschen fasst das sogenannte neue Christentum heute. Für das explosionsartige Wachstum der Bewegung suchen renommierte Soziologen wie der US-Amerikaner Peter L. Berger nach Erklärungen.

Pfingstkirchen seien hochmodern, sagt Berger. Es sei die einzige wichtige religiöse Bewegung, in welcher der Glaube auf einer individuellen Entscheidung beruhe. Man wird nicht in diese Gemeinschaft hinein geboren, sondern muss sich bewusst für sie entscheiden und konvertieren.

Politische und soziale Kraft

Peter L. Berger beobachtet das Phänomen seit längerer Zeit. Wie viele andere lehnt er die konservative Grundhaltung der Pfingstkirchen ab, die sich gegen Verhütung, Abtreibung und Homosexualität richtet. Aber akademische und intellektuelle Kreise im Westen hätten der Bewegung viel zu wenig Beachtung geschenkt, weil sie die Pfingstkirche nicht mochten und davon ausgingen, dass die Religion weltweit im Verschwinden begriffen sei. Diese akademischen und intellektuellen Kreise hätten die politische und soziale Kraft dieser Bewegung unterschätzt.

Für Lattitia, eine Frau im Slum von Accra in Ghana, hat sich die Konversion schon gelohnt. Sie und ihre Familie haben sich einer kleinen Pfingstgemeinde angeschlossen. Dann hat ihr Mann aufgehört zu trinken, weil das die Religion verbietet. Seither hat sie mehr Geld für ihre Kinder zur Verfügung und kann ein kleines Geschäft aufbauen. Eine Emanzipationsgeschichte.

Spass und Spiritualität

Der Filmautor Andrea Müller hat für seine Reportage «Kreuzzug – Das neue Christentum» zahlreiche Pfingstgemeinden besucht. Dabei hat Müller auch Lattitia in Accra getroffen. Er hat während der Dreharbeiten viele solcher Geschichten gehört. Als Atheist musste er seine Vorurteile gegenüber evangelikalen Freikirchen (Stichwort Sekten, «Stündeler» usw.) revidieren, auch wenn er ihr konservatives Gedankengut weiterhin ablehnt.

In Brasilien, Ghana, im Niger und in der Ukraine traf er auf vitale Grosskirchen, die eine enorme Ausstrahlungskraft besitzen. Er besuchte Kirchen, die den Gläubigen über das Spirituelle hinaus Spass, soziale Kontakte, Zusammenhalt und Unterstützung boten.

Beispiel Brasilien

Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Kirchen in Lateinamerika, Afrika und Europa seien sehr gross, sagt Andreas Müller. Es gebe keine zentrale Organisation, die diese Kirchen untereinander koordiniere. Und von den Impulsen ihrer geistigen Väter in den USA hätten sich die meisten Pfingstkirchen dieser Länder längst emanzipiert.

Besonders irritiert hat Müller, dass der Einfluss der Pfingstbewegung in vielen Armenvierteln des Südens zu einer gewissen Verbesserung der Lage und zur Bildung einer Mittelschicht führt. Das zeige sich heute in Brasilien.

Armutsviertel können profitieren

Was der Filmautor schildert, hat mit dem umfassenden Angebot zu tun, bestätigt der Religionssoziologe Peter L. Berger: «Die Pfingstkirchen bieten ein Paket von Glaubensinhalten und Praktiken an, das enorm attraktiv ist für Menschen in Armutsvierteln ohne soziale Unterstützung.» Die Pfingstkirchen kombinierten spirituelle Angebote mit einem Moralcode, der es ihnen ermögliche, sich aus der Armut zu befreien.

Am meisten überrascht hat Andrea Müller, dass er während seiner Reise den Menschen dieser Bewegung nahe gekommen ist. Er sei auf bornierte, enge Sektierer eingestellt gewesen. Stattdessen habe er offene Menschen angetroffen, die seine Skepsis akzeptierten.

Peter L. Berger

Porträt von Peter L. Berger: Ein älterer Mann mit Glatze lächelt.
Legende: r-film

Der US-Amerikaner Peter L. Berger (geb. 1929) ist einer der bekanntesten Religionssoziologen. Gemeinsam mit Thomas Luckmann verfasste er «Die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit» (1966), ein Werk, das die philosophische Denkschule des Konstruktivismus geprägt hat. Viele seiner Publikationen wurden zu Standardwerken.

5 Kommentare

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  • Kommentar von M. Bolder, Muhen
    (Fortsetzung) So lässt sich der Erfolg der Pfingstkirchen auch nicht primär durch den strengen Moralkodex erklären, sondern eher dadurch, dass Menschen ihre Fähigkeit den Moralkodex erfüllen zu können, als Befreiung erleben. Es geht weniger darum, dass (zum Beispiel) Alkohol "verboten" ist, als vielmehr darum, dass die Befreiung vom Alkohol (auch) als emotionales Erlebnis erfahren wird, welches dann in den sozialen Aufstieg mündet, was die emotionale Befreiung erneut vertieft. (positive Spirale)
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  • Kommentar von M. Bolder, Muhen
    Die individuelle Entscheidung ist nicht nur ein Phänomen der Pfingstkirchen, sondern des gesamten evangelikalen Flügels der Christenheit - und eigentlich vom Ursprung her auch der reformierten Tradition, wenn nicht überhaupt des Christentums per se. Die besondere Kraft der Pfingstkirchen dürfte eher darin liegen, dass die persönliche Entscheidung stark in Emotionen eingebunden ist. (Fortsetzung folgt)
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  • Kommentar von Turi Meier, 9473 Gams
    Vertreten die heutigen Kirchen wirklich Christus? Jesus sagte in Johannes Kapitel 13 Vers 35:"Man wird meine Nachfolger an der Nächstenliebe erkennen. Wo war den diesen "Liebe" in den vergangenen Kriegen?Wir glauben an Gott, bestimmen aber selber wie & was wir glauben wollen. Eigentlich bevormunden wir den schöpfer. Wenn wir aber sterben, dann erwarten wir von diesem Gott, den wir bevormunden, dass er uns ewiges Leben gibt. Ob das wohl aufgeht? Das muss jeder für sich beantworten.
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