Vergeben statt vergelten

Das Ehepaar Rodríguez hat seinen einzigen Sohn verloren. Greg starb am 11. September 2001 bei den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York. Statt Vergeltung zu fordern, appellierten seine Eltern an den damaligen US-Präsidenten Bush, auf einen militärischen Gegenschlag zu verzichten.

Eine Frau steht vor einer 9/11-Gedenkwand. Im Hintergrund Manhattan.

Bildlegende: Als ihr Sohn beim Terroranschlag starb, war das Ehepaar Rodríguez verzweifelt. Im Bild: Das 9/11-Empty-Sky-Memorial. Reuters

Die Rodríguez waren stets Menschen mit klaren Werten und Grundsätzen. Orlando war zur Zeit der Battista-Diktatur in Kuba aufgewachsen. Seine Ehefrau Phyllis ist die Tochter linker Aktivisten. Sie wuchs im New Yorker Stadtteil Bronx auf. In ihrer langen Ehe hatte das Paar an zahlreichen Demonstrationen und Protestmärschen teilgenommen: gegen den Vietnam-Krieg, gegen Atomkraftwerke, gegen Diktatoren.

Und natürlich waren die beiden überzeugte Gegner der Todesstrafe. Seit Langem bewundern sie Helen Prejean. Die katholische Ordensfrau wurde berühmt mit ihrem Erlebnisbericht «Dead Man Walking» in den 90er-Jahren. Es war ein Buch, das wie kein anderes die Debatte um diese höchst umstrittene Strafe in den USA verändert hat.

Das Ehepaar Rodríguez sitzt auf einem Sofa. Auf dem Tisch davor steht ein Foto eines jungen Mannes.

Bildlegende: Phyllis und Orlando Rodríguez: «Natürlich waren wir wütend.» Lightfoot Films

Schmerzliche Erkenntnis

Die Terroranschläge des 11. September 2001 stellten die Überzeugungen und Werte der Rodríguez allerdings auf eine äusserst harte Probe. Die Ermordung ihres Sohnes Greg und annähernd 3000 weiterer unschuldiger Opfer war das Schlimmste, was die Rodríguez je erlebt haben. Wie alle, die an jenem milden, wolkenlosen 11. September Angehörige verloren, war das Paar verzweifelt und traurig.

Und wie wohl alle anderen verspürten auch sie einen unbändigen Zorn: «Natürlich waren wir wütend», sagt Phyllis Rodríguez rückblickend. «Wer wäre das nicht, wenn sein Kind ermordet würde?» Doch sowohl sie wie ihr Mann Orlando begriffen damals intuitiv, dass Wut und Rachegedanken weder ihren Schmerz lindern noch das Problem zu lösen vermögen. Vor allem aber: Ihr Sohn wurde dadurch nicht wieder lebendig.

Gegen Hass und Vergeltung

Greg, der jugendliche Rebell und Abenteurer im frühen Erwachsenenalter, war erst etwa zwei Jahre vor seinem Tod «sesshaft» geworden. Er hatte es innert kurzer Zeit zum IT-Fachmann eines angesehenen Geldinstituts mit Sitz in den New Yorker Twin Towers gebracht, hatte geheiratet und liebäugelte mit dem Gedanken, eine Familie zu gründen.

Der 31-jährige Mann war ein kontaktfreudiger, versöhnlicher Mensch. Wie seine Eltern war er ein erklärter Gegner der Todesstrafe. Sich zuliebe, aber auch, um ihren ermordeten Sohn Greg zu ehren, entschieden die Rodríguez deshalb, sich weiterhin gegen Vergeltung und für Verständigung und Versöhnung einzusetzen.

Befreundet mit der Mutter eines Terroristen

Ihr öffentlicher Appell «Nicht im Namen unseres Sohnes!» führte zum Zusammenschluss von Gleichgesinnten in der Organisation «Familien des 11. September für ein friedliches Morgen». Ihre Suche nach Sinn und Trost brachte die Rodríguez auch zusammen mit Aisha Al Wafi. Ihr Sohn, Zacarias Moussaoui, war wegen Mithilfe bei der Vorbereitung der Terroranschläge vom 11. September in den USA angeklagt. Aisha hatte den Kontakt zu Hinterbliebenen der Opfer gesucht.

Die Rodríguez waren bereit, sie zu treffen, und zwischen Phyllis und Aisha entstand eine Freundschaft. Orlando Rodríguez, von Beruf Kriminologe und Soziologieprofessor an der New Yorker Fordham University, trat sogar als Zeuge der Verteidigung im Prozess gegen Zacarias Moussaoui auf. Mit seiner Aussage trug er nicht unmassgeblich dazu bei, dass einer der zwölf Geschworenen schliesslich gegen die Todesstrafe stimmte. Moussaoui sitzt jetzt bis zum Ende seiner Tage in einem Hochsicherheitsgefängnis in Colorado.

Gelebte Menschlichkeit

Diese beiden Exempel sind nur zwei von vielen. Die Rodríguez sprachen sich auch von Anfang an dezidiert gegen die Kriege im Irak und in Afghanistan aus. Sie engagieren sich gegen Islamfeindlichkeit und für gewaltfreie Konfliktlösungen und stellen so landläufigen Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit fundamental infrage.

Dokumentarfilm zum Thema

Über das Ehepaar Phyllis und Orlando Rodríguez ist ein Dokumentarfilm in Produktion: In Our Son's Name. Einen Trailer gibt es bereits. Die Premiere soll am 24. Februar 2015 stattfinden.

Sendung zu diesem Artikel