Verhalten optimistisch: Die Zukunft für Irans Kulturschaffende

Nach dem Abkommen zum Atomprogramm steht Iran vor einem Aufbruch: Noch in diesem Jahr sollen die strengsten Sanktionen des Westens aufgehoben werden. Amir Sheikhzadegan, Dozent für Soziologie an der Universität Freiburg, erklärt, was diese Öffnung für die Kulturschaffenden im Iran bedeutet.

Eine Frau hält die iranische Flagge hoch und ruft etwas in die Menge.

Bildlegende: Freude und Erleichterung: Eine Frau in Teheran feiert den Durchbruch im Atomstreit, 14. Juli 2015. Keystone

Wie haben Sie reagiert, als Sie gehört haben, dass das Atom-Abkommen zustande gekommen ist?

Amir Sheikhzadegan: Das freut mich sehr, denn auf diesen Moment haben wir lange gewartet. Für mich ist das ein Umbruch in unserer zeitgenössischen Geschichte.

Wie beurteilen Kulturschaffende im Iran den Schritt?

Es ist noch etwas früh, um das beurteilen zu können. Immer wieder, wenn die Reformkräfte einen Sieg errungen hatten, kam es zu einer negativen Gegenreaktion der Hardliner, es wurden Zeitungen geschlossen oder Oppositionelle verhaftet. Insofern würde ich von einem verhaltenen Optimismus sprechen.

Wie ist die Lage im Moment für Kulturschaffende im Iran? Von Jafar Panahi weiss man, dass er seinen Film «Taxi Teheran» nach Berlin schmuggeln musste.

Der neue Präsident Hassan Rohani ist mit vielen Versprechungen an die Macht gekommen, zum Beispiel, dass er das Land nach innen und nach aussen öffnen wolle. Er hat auch sehr früh in einer Rede die Kunst hervorgehoben und sie als sehr wichtig für die Gesellschaft bezeichnet.

Aber bis jetzt hat man nicht wirklich eine Veränderung erlebt, die Situation ist sehr schwierig. Man hört beispielsweise von Konzerten, die auf Geheiss irgendwelcher Freitagsprediger in der letzten Minute verboten und abgesagt werden. Viele Künstler sagen, dass sie es nicht mehr aushalten und nur noch raus wollen.

Ein anderer Grund ist wohl, dass Künstler den Austausch mit der Welt suchen.

Unbedingt, ja. Die Künstler im Iran sind sehr global orientiert. Sie sind sehr sensibel für die Geschehnisse in aller Welt und verfolgen alles mit grösstem Interesse. Da ist es ein Problem, wenn die Künstler an einem Festival oder einer Ausstellung im Ausland teilnehmen wollen und sie kein Visum erhalten. Man hofft, dass sich jetzt mit der Öffnung in dieser Hinsicht etwas tut.

Die andere Hoffnung ist die, dass sich mit der Verbesserung der Wirtschaftslage die Kaufkraft der Bevölkerung erhöht und dadurch mehr Kulturgüter wie bildende Kunst oder Bücher gekauft werden.

Denken Sie, dass Rohani jetzt das Versprechen nach mehr Raum für Kulturschaffende einlösen wird?

Nicht sofort. Die wichtigste Aufgabe ist jetzt zuerst, dass er das Abkommen durch das Parlament bringt. Die zweitwichtigste, dass er sich auf die Sanierung der maroden Wirtschaft konzentriert. Von daher sehe ich unmittelbar keine positiven Folgen für die Kunst und Kultur.

Allerdings wird er auch versuchen, die Reformkräfte für die bevorstehenden Parlamentswahlen zu mobilisieren. Wenn es ihm gelingt, im Parlament eine stärkere Reformkraft durchzusetzen, kann es wirklich möglich sein, dass sich durch neue Gesetze die Situation der Kunst verbessert.

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