Verliert die Welt ihre Muttersprachen?

Immer mehr Sprachen gehen verloren, weil sie von den Eltern nicht mehr weitergegeben oder von Machthabern bewusst unterdrückt werden. Die Unesco versucht daher, dem weltweiten Sprachensterben entgegenzuhalten – mit dem «Internationalen Tag der Muttersprache».

Strassenschild mit zweisprachiger Anschrift.

Bildlegende: Positives Beispiel Schottland: Der Anteil der Schottlisch-Gälisch-Sprecher ist in den letzten Jahren stabil geblieben. flickr/rosipaw

Am 21. Februar 1952 schoss im damals ostpakistanischen Dhaka die Polizei auf Demonstrierende, die sich gegen die sprachliche und kulturelle Unterdrückung durch das pakistanische Regime wehrten. Es gab Tote unter den Demonstranten. 1971 spaltete sich Ostpakistan ab und wurde zum neuen Staat Bangladesch. Auf dessen Antrag ruft die Unesco seit 1999 den 21. Februar zum «Tag der Muttersprache» aus.

Wurzeln schlagen dank der Muttersprache

Muttersprache ist praktisch jede gesprochene Sprache – abgesehen von wenig verbreiteten Plansprachen wie Esperanto oder praktisch reinen Schriftsprachen wie Hocharabisch oder Rumantsch Grischun. Die Muttersprache ist diejenige Sprache, in der ein Kind die Welt kennenlernt, in der eine Gesellschaft das Wissen um ihr Herkommen von Generation zu Generation weitergibt. Linguisten und Bildungspolitiker sprechen von der Erstsprache. Der «Tag der Muttersprache» zielt nicht unbedingt auf Weltsprachen wie Englisch oder Spanisch, sondern auf die unzähligen Kleinstsprachen, die vom Verschwinden bedroht sind.

Rund 6'000 gesprochene Sprachen

Über die Gesamtzahl der heute gesprochenen Sprachen kursieren schwankende Zahlen, je nachdem, wo die Grenze einer Sprache angesetzt wird: Ob die Deutschschweiz einsprachig ist (Mundart), zweisprachig (Mundart und Hochdeutsch), zwanzigsprachig (Kantonsmundarten) oder hundertsprachig (Mischformen mit Migrantensprachen), ist eine Definitionsfrage. Allgemein geht man heute von rund 6'000 gesprochenen Sprachen auf der Welt aus. Diese sind sehr ungleichmässig verteilt: Nur 300 von ihnen haben mehr als eine Million Sprechende, und die seltensten 2'000 Sprachen sprechen jeweils nicht einmal 1'000 Menschen.

Auch in Bezug auf den Sprachenverlust werden stark divergierende Zahlen herumgereicht. Am häufigsten ist die Prognose zu lesen, dass bis in 100 Jahren die Hälfte aller heute lebenden Sprachen verklungen sein werden. Damit würde eine immense Vielfalt an Klängen, Wörtern und Grammatiken unwiederbringlich verloren gehen, bestenfalls konserviert in einer linguistischen Datenbank wie dem «Language Archive» des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik in Nimwegen.

Töten, verbieten, vernachlässigen

Die Gründe für das Verschwinden von Sprachen reduziert der amerikanische Geograf und Ethnologe Jared Diamond in seinem Monumentalwerk «Vermächtnis» auf drei Begriffe: töten – verbieten – vernachlässigen. Ein Dialekt oder eine Sprache wird entweder militärisch, wirtschaftlich, religiös oder kulturell unterdrückt oder hat in der eigenen Sprechergemeinschaft kein Prestige mehr.

Die französischen Dialekte in der Westschweiz zum Beispiel, das sogenannte Patois, wurde im 19. Jahrhundert und bis weit ins 20. Jahrhundert durch administrative Erlasse zurückgedrängt und in Schulen verboten. Heute ist es praktisch ausgestorben. Am häufigsten leiden Sprachen, weil sie von ihren eigenen Sprechern vernachlässigt werden. Eltern geben ihre Muttersprache den Kindern nicht mehr weiter, um ihnen wirtschaftliche und soziale Nachteile zu ersparen. Im Zuge der Globalisierung verschwinden lokale Traditionen und kulturelle Praktiken, und mit ihnen verschwinden die zugehörigen Wörter, Dialekte und Sprachen.

Der Königsweg heisst Mehrsprachigkeit

«Förderung sprachlicher und kultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit» lautet deshalb das Motto der Unesco. Der vorgeschlagene Königsweg heisst also Mehrsprachigkeit und dies keineswegs nur aus konservatorischen Gründen, für das Heimatmuseum Ballenberg sozusagen. Denn Dialekte und Kleinsprachen stiften Identität und sozialen Zusammenhalt, geben Orientierung in einer nach allen Richtungen offenen Weltgesellschaft. Der «Tag der Muttersprache» hat so gesehen auch eine politische Dimension.

Buchhinweise

Harald Haarmann: «Kleines Lexikon der Sprachen». C.H. Beck-Verlag 2002.

Nicholas Evans: «Dying Words». Wiley-Blackwell 2010.

Guy Deutscher: «Im Spiegel der Sprache». C.H.Beck-Verlag 2013.

Jared Diamond: «Vermächtnis». S. Fischer-Verlag 2012.

«Bedrohte Sprachen». Hg. Volkswagen-Stiftung.

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