Vertragen sich Börse und Ethik?

Angesichts der Niedrig- und Negativzinsen fliesst das Geld der Anleger zurzeit vor allem in Immobilien – und an die Börse. Diese wird häufig in einem Atemzug mit Zynismus und Verantwortlichkeit genannt. Zu Recht?

Der Umriss einer Frau vor einem Bildschirm voller roten Zahlen.

Bildlegende: Herrscht an der Börse hemmungslose Gier – oder doch auch Verantwortungsgefühl? Keystone

Ethik spiele an der Börse «höchstens in der Kaffeepause» eine Rolle. Das sagt Marc Chesney, Professor für Quantitative Finance am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich. Das Börsengeschehen sei von Zynismus geprägt.

Chesney dokumentiert das in seinem Buch anhand von Zitaten aus dem E-Mail-Verkehr von Börsenhändlern. Er fordert, dass man Finanzprodukte zertifiziert.

«Die Börse ist ein reines Kasino»

Zudem möchte Chesney das «High Frequency Trading» verbieten. Damit nutzen Händler ihre ultraschnellen Computerverbindungen aus und verbreiten – so Chesney – innert Mikrosekunden «falsche Informationen», um daraus Profit zu schlagen.

Eine Transaktionssteuer könnte diese «fieberhaften Aktivitäten» beschränken – und Geld in die Staatskasse lenken. Die Finanzwirtschaft sei von der Realwirtschaft weitgehend abgekoppelt – ein reines Kasino.

«Die Börse funktioniert ohne Ethik gar nicht»

Ein Kasino sei die Börse nicht, widerspricht Sven Grzebeta. Der Philosoph arbeitet in Frankfurt in der Finanzbranche. Ohne Ethik könnte die Börse gar nicht funktionieren. Grzebeta versteht Ethik in erster Linie als das Einhalten der gesetzlichen und regulatorischen Vorschriften.

Ausser der Legalität hält Grzebeta weitere sozialethische Normen für vorrangig: die Vermeidung systemischer Risiken, den Abbau von Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zwischen den Börsenteilnehmern und das Bewusstsein um das destabilisierende Potential der Finanzmärkte. «Die Macht von Investoren darf nicht stärker sein als die Kraft der demokratischen Instanzen, die den Handel regulieren», sagt der Philosoph Grzebeta.

Crash-Kurs in Sachen Ökonomie

Um welche Achse rotiert also der Planet Wirtschaft wirklich? Um das zu verstehen, seien nicht nur die Bücher von Chesney und Grzebeta empfohlen. Sondern auch «Geld aus dem Nichts. Wie Banken Wachstum ermöglichen und Krisen verursachen» des Schweizer Volkswirtschaftlers Mathias Binswanger. Er erklärt, wie Banken durch Kreditvergabe Geld produzieren – ein Prozess, der zwar Wachstum fördert, aber auch unausweichliche Schattenseiten hat: spekulative Blasen und Finanzkrisen.

Mit diesem Dreigespann hat man zumindest einen Crash-Kurs in Sachen Ökonomie absolviert. Und weiss um die Komplexität und Vielschichtigkeit des Themas.

Buchhinweise

Marc Chesney: «Vom Grossen Krieg zur permanenten Krise. Der Aufstieg der Finanzaristokratie und das Versagen der Demokratie». Versus, 2014.

Sven Grzebeta: «Ethik und Aesthetik der Börse». Wilhelm Fink, 2014.

Mathias Binswanger: «Geld aus dem Nichts. Wie Banken Wachstum ermöglichen und Krisen verursachen». Wiley, 2015.

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