Verzeihen ist schwierig, denn es bedeutet Verzicht auf Vergeltung

Ob im Supermarkt oder im Zug, den Ausruf «Excusé, bitte!» hören wir oft – und winken leichtfertig ab. Doch sind wir auch bereit, zu vergeben, wenn sich jemand unverzeihlich verhalten hat? Philosophin Svenja Flaßpöhler erklärt, warum sich Verzeihen lohnt, obwohl wir nichts dafür zurückbekommen.

Eine Hand übergibt eine Blume.

Bildlegende: Verzeihen heisst auch Verstehen, was wichtig ist: «Das Verstehen hilft, eine Distanz zum Erlebten zu gewinnen» Photocase/Suze

Svenja Flaßpöhler weiss aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, zu verzeihen. Mit 14 wurden sie und ihre Geschwister von der Mutter verlassen. Diese hatte einen neuen – ihren dritten – Ehemann gefunden; sie zog mit ihm zusammen und liess die Kinder beim Vater zurück.

An die Hochzeit wurden die Geschwister nicht eingeladen. Daraufhin hatten sie jahrelang keinen Kontakt mehr zur Mutter – die hatte inzwischen zwei neue Kinder. Auch als Svenja Flaßpöhler selbst Mutter wurde, blieb der Kontakt abgebrochen.

Die jahrelange Abwesenheit der Mutter lösten bei Svenja Flaßpöhler Trauer und Wut aus, aber auch den Wunsch nach Vergeltung und die Frage nach dem Grund: «Warum hast du das getan, Mutter?»

Eine junge Frau mit kurzem, grauem Haar.

Bildlegende: Philosophin Svenja Flaßpöhler. SRF

Distanz zum Erlebten gewinnen

Damit sie das Erlebte besser verstehen und dadurch auch verzeihen konnte, schrieb Svenja Flaßpöhler ein Buch – über das Verzeihen und den Umgang mit Schuld. «Das Verstehen hilft, eine Distanz zum Erlebten zu gewinnen», erklärt sie. Erst dadurch könnten wir uns die Warum-Frage stellen und uns in das Gegenüber hineinversetzen.

Dennoch: Verzeihen ist schwierig. «Es ist weder logisch, noch ökonomisch, noch gerecht», erklärt Svenja Flaßpöhler. Für unseren Schmerz bekommen wir nichts zurück. Vielmehr sei das Verzeihen ein Geschenk – wie der ökonomische Schuldenschnitt: «Verzeihen bedeutet Verzicht auf Vergeltung.»

Aber weshalb verzeihen wir dennoch? «Damit sich beide Seiten von der Vergangenheit oder von einer Tat lösen können», sagt Flaßpöhler. Dadurch verschwinden die schmerzhaften Symptome der Verletzung.

Der Akt des Verzeihens dreht das Verhältnis um: «Der Verzeihende erhält seine Handlungsmacht zurück, er wird dem Täter gegenüber souverän, stellt sich über ihn und befreit ihn so von seiner Schuld. Indem er sich entschuldigt, fällt er aus der Opferrolle.»

Das unverzeihbare Böse

Aber gibt es nicht auch Taten, die schlicht unverzeihlich sind? «Natürlich», sagt Flaßpöhler, «vor allem jene Handlungen, die aus dem Quell des Bösen genährt und ganz bewusst vollzogen werden». Dieser Meinung sind auch die beiden jüdischen Denker Vladimir Jankélévitch und Hannah Arendt. Das Böse bilde die Grenze des Verzeihens, sagen sie. Die Shoa etwa könne nie verziehen werden. Die wahren Opfer des Holocaust seien diejenigen, die darin ihr Leben liessen. Nur sie allein könnten Worte der Verzeihung äussern.

Oder verhält es sich doch so, wie einst Jacques Derrida schrieb – dass einzig das Unverzeihbare wirklich nach Verzeihung ruft?

Buchhinweis

Svenja Flaßpöhler: «Verzeihen – Vom Umgang mit Schuld». DVA Verlag, 2016.

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