Viele amerikanische Männer sterben im besten Alter

Eine Studie macht Schlagzeilen: Angus Deaton, Nobelpreisträger für Wirtschaft, hat sie zusammen mit Anne Case vorgelegt. Sie zeichnet ein bestürzendes Bild von der Lebenssituation weisser Amerikaner im mittleren Alter. USA-Korrespondent Beat Soltermann erklärt, wo die Gründe dafür liegen könnten.

Weisser Marmorengel auf Friedhof

Bildlegende: Eine Generation verliert mehr und mehr die Zuversicht und den Glauben an die Zukunft. Getty Images

SRF: Wenn wir uns zuerst diese Studie genau anschauen – wie hoffnungslos ist die Situation dieser Bevölkerungsschicht in den Vereinigten Staaten tatsächlich?

Beat Soltermann: Es sieht nicht gut aus für weisse Männer zwischen 45 und 55 Jahren, die über eine relativ geringe Schulbildung, lediglich einen Highschool-Abschluss, verfügen. Die Sterblichkeitsrate ist seit 1999 dramatisch angestiegen in dieser Bevölkerungsgruppe, nachdem sie davor ein Jahrhundert lang gesunken war. Das gleiche Phänomen findet man in der gleichen Schicht weder bei Afroamerikanern oder Hispanics noch bei Frauen oder Männern in anderen reichen Ländern.

Warum sterben diese Menschen öfter?

Die beiden Forscher, Anne Case und Angus Deaton, haben sich zahlreiche Gesundheitsdaten angeschaut. Sie kamen zum Schluss, dass chronische Krankheiten wie Krebs oder Diabetes nicht der Grund sein können, ebenso wenig Tötungsdelikte und Unfälle. Alles stabil oder gar rückläufig. Doch dann fanden sie heraus, dass in dieser Bevölkerungsgruppe die Zahl der Selbsttötungen stark zugenommen hat, auch Lebererkrankungen, Todesfälle, ausgelöst durch Drogen, Schlafmittelmissbrauch und Alkoholsucht.

Warum haben diese Todesursachen ausgerechnet bei weissen Männern im mittleren Alter und mit geringer Bildung derart zugenommen?

Das ist etwas schwieriger zu beantworten. Ein möglicher und auch wahrscheinlicher Grund: Diese Menschen waren im letzten Jahrzehnt einer viel grösseren finanziellen Unsicherheit ausgesetzt als alle anderen. Viele anständig bezahlten Arbeitsplätze in der Industrie sind nach China oder Mexiko verlagert worden. Dann kam die Finanzkrise dazu: Da haben viele ihre Häuser verloren. Die wirtschaftliche Erholung spüren in den USA auch nicht alle gleich, vor allem nicht die besagte Gruppe: weiss, männlich, wenig gebildet. Studienautor Angus Deaton sagt, er vermute, diese Leute hätten die Hoffnung und den Glauben an eine bessere Zukunft verloren.

Das ist eine Gesellschaftsschicht, die mit dem Glauben an den amerikanischen Traum aufgewachsen ist. Und für die sich der Traum nicht erfüllt hat. Also geht es auch um Identitätsverlust?

Absolut. Obwohl Daten zeigen, dass es seit Ende der 1970er-Jahre deutlich schwieriger geworden ist, eine Tellerwäscher-Karriere zu machen. Dass es für die Mittelklasse immer schwieriger ist, sich den amerikanischen Traum vom Eigenheim, einer Familie mit Hund und Auto zu erfüllen. Dennoch ist die Idee als Fiktion immer noch weit verbreitet. Wer da nicht mithalten kann, respektive den Glauben daran verloren hat, fällt tief in den USA.

Die Studie ist brisant, wirft politische Fragen auf. Wie verläuft dazu die Diskussion in den USA?

Die Studie wurde mit grossem Interesse aufgenommen. Viele Medien brachten Berichte. Selbst Leute, die sich mit dem Gesundheitswesen beschäftigen, zeigten sich überrascht. Sie haben gewusst, dass irgendwas nicht stimmt. Nun gibt es eine Erklärung oder einen Erklärungsversuch. Und die Zukunft der Mittelklasse, besonders auch der weissen Mittelklasse, ist ein wichtiges Thema im US-Präsidentschaftswahlkampf.

Wird auch über Lösungsansätze diskutiert?

Ja, und nicht nur diskutiert. In einigen Bundestaaten, zum Beispiel West Virginia, sind Bestrebungen im Gange, diesen Menschen zu helfen. Doch das ist gar nicht so einfach. Ein Bürgermeister, der kürzlich im Radio sprach, sagte, er sei ziemlich verzweifelt. Es sind Gebiete mit wenig wirtschaftlichen Zukunftsperspektiven. Man will vor allem die Alkohol- und Drogensucht bekämpfen – mit Prävention und Behandlung.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 18.11.2015, 16.45 Uhr.