Villa Monte: Noch Schule oder schon Paradies?

Seit rund 30 Jahren gibt es die Villa Monte, eine Privatschule mit alternativem Unterrichtskonzept. Leiterin Rosmarie Scheu möchte damit eine Alternative zu Leistungsdruck und den vielen schulischen Vorgaben schaffen. Das Resultat: Die Kinder und Jugendlichen spielen viel. Aber sie lernen auch.

Kinderhand am malen

Bildlegende: Strafen, Noten, Leistungsdruck? In der Villa Monte gibts nichts von alledem. Getty Images

Wenn eines der Kinder sein Turnzeug vergisst, ist das keine Sache für Rosmarie Scheu, Leiterin der Villa Monte. Wichtig ist, dass die Kinder sich völlig frei entfalten. Keine Strafen, keine Noten, kein Frontalunterricht. Ungestört von Regeln soll sich hier jedes Kind seinen Weg ins Leben suchen. Nebenbei lernt es dabei Lesen, Schreiben, Rechnen.

Bewertungen sind tabu

Kinder sitzen in einem Raum an verschiedenen Tischen. Am vorderen wird gebastelt.

Bildlegende: Die Villa Monte ist eine Privatschule mit alternativem Unterrichtskonzept. Villa Monte

Die Erwachsenen wirken im Hintergrund. Wenn ein Kind fragt, helfen sie weiter. Sonst räumen sie auf, schauen, dass Lernmaterialien bereitgestellt sind. Besorgen zusätzliches Material, wenn gewünscht.

«Kannst du uns helfen, ein Delfinbuch zu machen?», wird Rosmarie Scheu von einer 6-Jährigen gefragt. Die Leiterin eilt zur Maschine, näht rasch ein Büchlein zusammen. Später lässt sie sich das Ergebnis zeigen. Bewerten tut sie nicht.

Es herrscht eine friedliche Stimmung auf den drei Stockwerken. Ganz unten der Kindergarten. In der Mitte die heimelige Täferstube für die Primarschüler. Unter dem Dach die Sekundarschüler. Alle sind mit irgendetwas beschäftigt. Ein paar spielen Karten. Ein Mädchen sitzt auf dem Sofa, liest. Ein paar Jungen bauen Papierflieger.

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Schulleiterin Rosmarie Scheu: «Wir dachten, alle werden Künstler»

0:26 min, vom 18.1.2015

Wie lernt man hier Lesen?

Hat man selbst eine klassische Schulbildung, kann man sich kaum vorstellen, wie hier Lesen und Schreiben gelernt wird. Doch alle können’s irgendwann. Die einen mit sechs, die anderen mit 10 Jahren. Man lässt ihnen die Zeit.

Ein kleines Mädchen, knapp im Primarschulalter, lässt sich von einer Erwachsenen einen Text vorschreiben. Dann versucht sie diesen abzuschreiben. Der 8-jährige Ronin tüftelt seit einer Stunde an einer komplizierten Rechnung: 34'234 hoch 2 macht wieviel? Ronin löst die Aufgabe souverän mithilfe von Kugeln und einem Brett, auf dem er die Zahl auslegt. Zwei andere Jungs werden angehalten, Ronin nicht in seiner Konzentration zu stören.

Ein Bastel- und Werkelparadies

Rund um die Villa gibt es Wiesen, Bäume und Material, um etwas herzustellen. Auch eine Werkstatt steht zur Verfügung. Enea und seine Freunde bauen am liebsten Hütten. «Wir bauen, bauen, bauen bis wir nicht mehr können», erzählt Enea. Hier wird produziert. Fähigkeiten, die in der Regelschule oft zu kurz kommen, haben hier Raum. Auch viele der Sekundarschülerinnen sind an diesem Nachmittag mit Handarbeiten beschäftigt.

Kaum Rituale, dafür schöne

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Chelsea Rutz über ihre Erfahrungen in der Villa Monte

0:42 min, vom 21.1.2015

Zu den wenigen Ritualen gehören die jährliche Theateraufführung und die gemeinsame Reise. Letztes Jahr waren 12 Sekundarschüler mit dem Velo einen Monat lang unterwegs: von Genf bis Barcelona. Täglich rund 60 Kilometer, übernachtet wurde in Zelten.

Nach der Regelschulzeit verlassen alle die Schule mit dem Sekundarschulabschluss. Die meisten ergreifen normale Berufe und haben kein Problem mit dem Übergang in die Berufsschule. Das erzählt die 20-jährige Chelsea Rutz, die hier zur Schule ging und letzten Sommer eine Lehre als Coiffeuse abschloss. Allerdings habe sie sich rückblickend schon mal gewünscht, dass die Lehrer an der Villa mehr Anweisungen gegeben hätten.

Nicht jedermanns Sache, aber eine Kindheit in Freiheit

Überhaupt behaupten sich fast alle Jugendlichen, die hier rund zehn Jahre die Schule besuchen durften, im Arbeitsleben. «Sie sind tüchtig und arbeitsam», fasst Rosmarie Scheu zusammen. Ihr Konzept, die Kinder frei aufwachsen zu lassen, ist für sie aufgegangen. Doch vor allem braucht es die Überzeugung, dass es auch anders geht, wenn man seine Kinder hierher schickt. Belohnt werden diese mit einer Kindheit ohne Druck. Womöglich verleiht das im Leben Flügel.

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