Von der «Banalität des Bösen»

Hannah Arendts umstrittene These ist wieder im Gespräch. Das Böse sei banal, war ihre Schlussfolgerung aus ihrer Berichterstattung vom Prozess gegen den Nazi Adolf Eichmann in Jerusalem 1961.

Schaut mit kritischem Blick in die Kamera: Hannah Arendt.

Bildlegende: Hannah Arendt, undatiertes Porträt. Keystone / EPA DPA STR

Die These der Banalität des Bösen hat wieder Konjunktur. Allerdings nicht allein aus theoretischem Interesse, sondern auch aus cinematischem Anlass: Margarethe von Trottas magistrales Portrait der Philosophin Hannah Arendt ist eben in den Schweizer Kinos angelaufen. Der Film fokussiert auf Arendts streitbare Berichterstattung vom Eichmann-Prozess in Jerusalem, in der die jüdische Philosophin den Begriff der Banalität des Bösen prägte.

Nazi-Verbrecher als «Hanswurst»

Eichmann mit Brille und Kopfhörer am Prozess in Jerusalem

Bildlegende: Das banale Gesicht des Bösen: Adolf Eichmann beim Prozess in Jerusalem, 1961. Keystone / AP STR

Arendt war 1961 als Reporterin für das Magazin «The New Yorker» beim Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem zugegen, einem der wichtigsten Drahtzieher des Holocausts. Ihre Berichterstattung löste heftige Kontroversen aus, die bis heute andauern. Arendt zeichnete Eichmann nicht als moralisches Monster, sondern nannte ihn einen lachhaften «Hanswurst» und resümierte seine Vergehen unter dem Titel der «Banalität des Bösen» als Taten eines spiessbürgerlichen Bürokraten. Diese Aussagen kosteten Arendt Freundschaften zu langjährigen Weggefährten, die ihr die Verharmlosung der Nazi-Gräuel vorwarfen.

Das Vergehen der Gedankenlosigkeit

So umstritten Arendts Schilderungen sind – die Philosophin wollte sicher nicht beschönigen. Vielmehr pochte sie darauf, dass das Monströse zuweilen gerade nicht in der Absicht zum Bösen bestehe, sondern absurd lächerlich bleibe, wenn es gedankenlos geschehe, als bürokratischer Akt verrichtet. Gedankenlosigkeit war der politischen Philosophin ein Frevel, und Eichmanns Vergehen bestand für sie gerade darin, dass er keinen Gedanken darauf verwandte, wozu die von ihm so perfekt geplante Logistik der Zugtransporte diente. Sein Engagement galt allein dem Erfüllen des Auftrags und der persönlichen Karriere.

Das banale Böse passiert einfach

Ob Arendt Eichmanns Verhalten richtig deutete, ist bis heute umstritten. Ihre Kritiker verweisen bspw. auf die Interviews, die der niederländische Altnazi Willem Sassen in Argentinien mit Eichmann geführt hat, in denen er als fanatischer Antisemit auftritt.

Wie auch immer es um Eichmanns Motive bestellt war – Arendt hat einen Punkt, wenn sie auf die ungeheuerlichen Auswirkungen der Gedankenlosigkeit aufmerksam macht. Manche humanitäre Katastrophe ist nur deshalb möglich, weil die involvierten Personen nicht in Arendts Sinne nachdenken und die realen Folgen ihres Tuns ausblenden.

Die westlichen Agrarsubventionen, welche die Preise auf den Weltmärkten verzerren und die Entwicklungsländer chancenlos zurücklassen, oder der Abbau von Rohstoffen, dessen Gewinn in die Kassen blutrünstiger Herrscher fliesst und Bürgerkriege finanziert – wer denkt hier (nicht) zu Ende? Wer hat die realen Folgen noch im Blick? Die Banalität des Bösen besteht darin, dass das Unheil einfach seinen Lauf zu nehmen scheint zwischen Schulterzuckenden, die bloss ihre Arbeit verrichten.

Claude Lanzmanns «Shoah» als Zeugnis der Banalität des Bösen

Claude Lanzmann hat die ungeheuerlichen Ausmasse des «banal Bösen» in filmischen Portraits eingefangen, die bis heute erschüttern. Die Frage, wie konnte das geschehen, beantworten die Portraits von Opfern und Tätern des irrsinnigen Nazi-Regimes nicht. Die Antwort hat uns aber Arendt gegeben: Durch die Gedankenlosigkeit eines Grossteils der Täter; durch die Weigerung, sich überhaupt als tätige Person zu sehen. Lanzmann selber äussert sich in seinen Erinnerungen, die unter dem Titel «Der patagonische Hase» erschienen sind, zwar an einer Stelle Arendt-kritisch. Allerdings bezieht er sich dabei auf Arendts Kritik an den Judenräten, denen sie für den Holocaust eine Mitverantwortung zuschrieb, nicht auf ihre These des banal Bösen.

Literaturhinweise

Hannah Arendt: «Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen», Piper, 1986.
Claude Lanzmann: «Der patagonische Hase. Erinnerungen.», Rowohlt, 2010.

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