Von der Diktatorenschule zum Fünf-Sterne-Hotel

Sie galt als Killerschule: Die «School of the Americas» in Panama bildete lateinamerikanische Militärs bis Mitte der 1980er Jahre aus, angehende Diktatoren waren auch hier. Die vom Pentagon betriebene Offiziersakademie ist heute ein Luxushotel. An die Vergangenheit erinnert nur wenig.

Luftaufnahme der «Escuela de las Américas»

Bildlegende: Hier wurden angehende Diktatoren und Folterer ausgebildet, heute werden hier Gäste bewirtet SRF

Die Palmen auf dem sorgsam gemähtem Rasen rascheln im Wind. Der Park neigt sich sanft zum See hinab. Die Sonnenschirme am Pool sind noch blauer als der makellose Himmel. Livrierte Kellner servieren den Gästen Cocktails, die sich in der karibischen Nachmittagssonne auf Liegestühlen räkeln. Hinter den Mauern in weichen Ockertönen entführen lange Gänge die Gäste des Hotels aus der Mittagshitze in die dämmrige Stille kolonialer Siesta. Kann man einem Ort seine Vergangenheit ansehen? Und gibt es so etwas wie einen Hort des Bösen?

Eine Bastion der USA

Portrait Miguel Guerra

Bildlegende: «Demokratie wurde hier nicht unterrichtet», sagt einer der renommiertesten Journalisten Panamas: Miguel Guerra SRF

«Die Escuela de las Américas war eine Bastion der USA», sagt José Miguel Guerra, einer der renommiertesten unabhängigen Journalisten Panamas. «Hier wurden Militärs aus ganz Lateinamerika mit Ausnahme Kubas von Ausbildern des Pentagon darauf gedrillt, ihre Länder politisch unter Kontrolle zu bringen.»

Verhörtechniken, Dschungelkrieg und Gegenspionage standen damals auf dem Unterrichtsplan. «Aspekte von Demokratie und Menschenrechten fanden da naturgemäss wenig Raum», resümiert Guerra.

Krankenhaus und Folterschule

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war das Gebäude im Hacienda-Stil zunächst ein Krankenhaus. Ab 1946 stand es dann als Fort Gulick unter Kontrolle der USA. Doch erst als «Escuela de las Américas», als «Schule der Amerikaner», erlangte die Militärakademie ihren zweifelhaften Ruf. «Escuela de Asesinos», «Killerschule», nannte die panamaische Tageszeitung «Prensa» einmal die weitläufige Anlage nahe der Stadt Colón.

Die Elite späterer Diktatoren

Hier wurde das Drehbuch für die jüngere lateinamerikanische Geschichte geschrieben. Hier, in der von der Aussenwelt abgeriegelten Sicherheitszone des Panamakanals, bildeten die USA Generäle, Geheimdienstler und Agenten aus, die den Hinterhof Amerikas nach dem Zweiten Weltkrieg vom Weltkommunismus freihalten sollten. «Militärische Stabilität war die einzige Doktrin der USA zu jener Zeit», erklärt Severino Mejía, früher selbst Absolvent der Akademie und heute Gewaltforscher an der Universität von Panama City. «Daher hatten sie auch keine Probleme mit repressiven Systemen in ihrer Nachbarschaft».

Hier drückte fast die gesamte Elite mittel- und südamerikanischer Diktatoren und Folterer die Schulbank, so Journalist Guerra: «General Roberto D’Aubuisson aus El Salvador, dessen Todesschwadronen Erzbischof Oscar Romero ermordeten, wurde an der Schule ausgebildet. Ebenso wie Manuel Noriega und Generäle Paraguays und Chiles - alles Leute, die später in ihren Ländern Militärdiktaturen errichteten.»

Musterschüler der USA

Etwa 60'000 Armeeangehörige aus 23 Ländern durchliefen die «Escuela de las Américas» von 1946 bis 1984. Zum Unterrichtsstoff gehörten antikommunistische Ideologie und Dschungelkrieg. Die Schule war die ideologische Keimzelle zur Unterdrückung lateinamerikanischer Völker.

Der argentinische Junta-General Leopoldo Galtieri und Präsident Roberto Viola, der bolivianische Diktator Hugo Banzer, der guatemaltekische Präsident Rios Montt sowie der ecuadorianische Diktator Rodriguez Lara gehörten zu den berüchtigten Absolventen – ein «Who is Who» schwerster Menschenrechtsverletzer.

Heute wird der verschlafen wirkende Gebäudekomplex nahe Panamas Karibikküste als «Meliá Panamá Canal» von einer spanischen Hotelkette vermarktet. Damián Barceló war von Anfang an fasziniert: von der abgeschiedenen Lage, der Grandezza des wie ein Landsitz wirkenden Areals, der Dekadenz des seit über zehn Jahren leerstehenden Haupthauses mit den rostroten Dachziegeln.

«Nach der Militärinvasion der USA 1989 wurde die Armee Panamas abgeschafft», erklärt der 84jährige Mallorquiner, der sein halbes Leben in Panama verbracht hat. «Als ich die Anlage 2000 übernahm, wusste niemand etwas mit ihr anzufangen».

Heute kommen Touristen

Barceló kannte auch die Geschichte der Militärschule. Einen Gegenentwurf zu ihrem früheren Zweck wollte das Mitglied einer spanischen Hoteliersdynastie aus der «Escuela de las Américas» machen. «Ich sah hier sofort die Chance, aus einem Trainingscamp für Unterdrücker einen Ort der Besinnung, der Entspannung, des Friedens zu schaffen», sagt Barceló. 285 Zimmer und Suiten, ein eigenes Spielcasino, Butlerservice, zwei Restaurants, Pianobar, Motorboote - Barceló erkannte das touristische Potential, denn das Meliá Panamá Canal liegt einzigartig.

Blick auf den Panamakanal

Bildlegende: Traumhaft gelegen mit einer alptraumhaften Vergangenheit: ein Ort versucht den Wandel SRF

Der Lago Gatún, in den die Halbinsel mit der Hotelanlage hineinragt, ist die Quelle des Panamakanals. Ein Stausee eigentlich, angelegt von den US-Amerikanern, die das Projekt des Franzosen Ferdinand de Lesseps übernommen hatten. Wer vom Bootsanleger des Hotels hinausfährt, taucht ein in eine Welt aus dichter Vegetation. Affen turnen in den Bäumen des heutigen Naturschutzgebietes. Eine tierartenreiche Idylle, die Geschäftsreisende und Touristen auch wegen der nahen Freihandelszone von «Colón» anzieht. Hier kann man billig einkaufen.

Baden neben dem Panamakanal

Beim Betreten des Hotels durch das Säulenportal fällt zunächst die riesige Windrose ins Auge, aus Marmor und in den Boden des Foyers eingelassen. «Offen zu sein für Gedanken aus allen Richtungen», sagt Eigentümer Barceló, «das wollte ich damit ausdrücken. Und über uns die neue Glaskuppel enthält die Farben aller lateinamerikanischer Flaggen.»

Symbole der Freiheit, Einheit - dies waren die wesentlichen Änderungen, zu denen das Haus den alten Mann inspirierte. Ansonsten verschwand mit den Armeeschülern und deren US-Ausbildern auch die militärische Aura aus der «Escuela de las Américas». An der Zufahrt erinnern noch eine alte Kanone und ein Wachhäuschen an die dunkle Vergangenheit.

Die Wirtschaftsgebäude des Areals sind meist leer, aus einigen wurden Stallungen für Pferde. Die Gäste besuchen ein nahegelegenes Reservat der Emberá-Indios, fahren mit dem Boot auf den Gatún-See hinaus oder geniessen einfach nur das subtropische Idyll am Rande des Regenwaldes.

Frieden statt Folter

Der dunkle Geist ist fort. Es gibt keine Veteranentreffen, keine Gedenkveranstaltungen. Nicht aus Scham. Wer mit Absolventen der Akademie spricht, die heute im Retiro in Panama City leben oder als Hochschuldozenten eine Alternative zum Soldatenleben fanden, hört nichts Negatives über ihre Zeit in der «Escuela de las Américas». «Die ideologische Doktrin war richtig», sagt Rubén Darío Paredes, Militärchef in Panama von 1982 bis 1983. «Nur leider haben einige Schüler sie als Freibrief zur Unterdrückung in ihren Ländern missverstanden».

Als «Schule zur Destabilisierung Lateinamerikas» brandmarkten Oppositionspolitiker noch in der 1980er Jahren die «Escuela de las Américas» - nunmehr als Symbol für eine neue Zeit. Bei diesem Bild seines Hotels steigt Damián Barceló Glanz in die Augen. Das Mosaik im Hotelfoyer hat er selbst gestaltet: «Et in terra pax» steht dort – eine Friedensbotschaft für die Gäste aus aller Welt.

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