Von der «Sektenfalle» zur radikalen Splittergruppe

Seit 50 Jahren berät die evangelische Informationsstelle für Kirchen, Sekten und Religionen Sektenmitglieder und Angehörige. Die Ängste sind dabei bis heute gleich geblieben. Die Gemeinschaften, die als Sekten bezeichnet werden, haben sich aber verändert.

Frau in weissem Gewand streckt die Arme in die Höhe.

Bildlegende: In den letzten 50 Jahren haben sich Sekten in der Schweiz verändert: Die Wunderheilerin Uriella im Jahr 2000. Keystone

Wer heute an Sekten denkt, dem fallen vielleicht Scientology, Osho alias Bagwhan oder Hare Krishna ein. Diese Bewegungen kamen in den 70er-Jahren auf und lösten Ängste aus, viele Menschen wandten sich an die evangelische Informationsstelle.

Man sprach von der Sektenfalle. «Eine Gruppe packt sie total. Ihre Beziehungen. Ihre Finanzen. Sie reisst sie aus ihrer Familie heraus», erklärt Georg Schmid. Der Pfarrer und Religionswissenschaftler leitete lange die evangelische Informationsstelle für Kirchen, Sekten und Religionen.

Radikale Splittergruppen

Von Osho oder Baghwan hört man nicht mehr sehr viel, auch um Scientology ist es ruhiger geworden. Doch die Anfragen zu Sekten sind nicht zurückgegangen. Die Ängste sind heute immer noch dieselben, betreffen aber neue Gruppierungen, wie beispielsweise radikale islamische Splittergruppen und Gemeinschaften, die sehr klein, eng und familiär sind. «Die sind so klein, dass sie nicht einmal den Sektenexperten bekannt sind. Sie operieren unter dem Level der Kritik», erklärt Georg Otto Schmid, der die Leitung der Sektenstelle von seinem Vater übernommen hat.

Ein Hotel im Tausch gegen hohe Inkarnation

Solche Kleinstgruppen gibt es im freikirchlichen Milieu, aber auch in esoterischen Kreisen. Georg Otto Schmid nennt als Beispiel eine esoterische Meisterin, die sich als Göttin ausgibt und ihren Anhängern verkündet, sie seien wiedergeboren als Jesus oder Buddha. Die grössten Gestalten der Menschheit werden dann verteilt auf diese Jünger.

Als Gegenleistung für diese immense heilsgeschichtliche Bedeutung, die diese Leute dann bekommen, müssen sie Vermögen abgeben. «Das ist extremer Elitarismus verbunden mit totaler Hingabe. Ich kenne eine Meisterin, die sich von einer Anhängerin ein Hotel schenken liess. Als Dank ist die Anhängerin jetzt mit hohen Reinkarnationen versehen», erzählt Schmid.

Nicht jede Sekte ist gefährlich

Die Informationsstelle versucht aber nicht, Leute um jeden Preis aus einer solchen Gemeinschaft herauszureissen. Denn es gibt tatsächlich Menschen, die eine enge Gemeinschaft suchen, die durch den Wertepluralismus überfordert sind.

«Oft suchen Personen in einer Lebenskrise so etwas. Aber wenn die Krise vorbei ist, leidet die Person unter der Situation. An diesem Punkt beginnt das Leiden», so Schmid. Wenn Personen an diesem Punkt stehen, dann bietet die Informationsstelle Hilfe an. Aber nicht jede Sekte muss immer gefährlich sein. Georg Schmid spricht deshalb auch lieber von radikalen Bewegungen, als von der «bösen Sekte».