Von Gig zu Gig statt Fulltime-Job: So leben moderne Arbeiter

Früher hatten nur Musiker Gigs, heute sind es Millionen von Menschen. Nicht mehr Vollzeit zu arbeiten, sondern von Einsatz zu Einsatz hechten, das liegt im Trend. Designer Dionysios Bafis lobt die Freiheiten des neuen Arbeitsmodells. Nur arbeitet er jetzt doppelt so viel wie ein Festangestellter.

Ein Steg, darauf ein Laptop, im Hintergrund Häuser auf Stelzen.

Bildlegende: Sich am Strand den nächsten Job organisieren? Tönt verlockend, hat aber auch Schattenseiten. Flickr/Giorgio Montersino

Der Schlüssel zur Freiheit ist ein Profil im Internet. Oder genauer: ein Profil auf der Plattform Elance. Ein grünes Emblem bestätigt, dass Dionysios Bafis ein echter Mensch ist. Fünf gelbe Sterne attestieren ihm höchste Qualität als Designer und die Aussagen anderer lassen darauf schliessen, dass er zuverlässig, freundlich und kreativ ist.

Weg von langen Arbeitstagen und dem Druck von oben

Bafis sitzt in einem Café, vor sich auf dem Tisch ein Handy und eine Tasse Kaffee.

Bildlegende: Designer Dionysios Bafis. Michaël Jarjour

Der Mensch hinter dem Elance-Profil dreht sich gerade eine weitere Zigarette in einem Café in Berlins Prenzlauer Berg, während er auf seinen Milchkaffee wartet. Es ist kurz nach Mittag, er ist gerade aufgestanden.

Dionysios Bafis, kurz Dio, mittelgross, die Haare kurz geschoren, ist 35 Jahre alt, Grieche und lebt seit acht Jahren in Berlin. Vor zwei Jahren gab er den Job auf, der ihn hergeführt hatte: Er arbeitete als Designer in einer renommierten Werbeagentur. Ohne Plan erst mal. Das «System», wie er es nennt, habe ihn «gebrochen», die langen Arbeitstage, die Sinnfreiheit, der Druck von oben.

Aus der Not heraus ein Profil erstellt

Jetzt ist er in der neuen Arbeitswelt angekommen, folgt einem Wirtschaftstrend, den einige Experten seit Jahren als die Zukunft der Arbeit bezeichnen, sogar mit der Industrialisierung vergleichen. Der Trend hat viele Namen, doch für die Arbeit der bezeichnendste ist das im Englischen oft verwendete «Gig Economy» («Gig-Wirtschaft», von «gig» – Auftritt). Das meint: Arbeiter binden sich nicht mehr an einen Arbeitgeber, sondern suchen eigenständig Jobs. In den USA ist einer Studie zufolge bereits ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung in dieser Zukunft angekommen.

Sie werden gelockt mit mehr Freiheit und Autonomie. Aber auch die Not, in der sie sich befinden, spielt eine Rolle – wie bei Dionysios Bafis: «Als ich zum ersten Mal auf der Jobplattform Elance war und die Preise sah, dachte ich: Das ist es nicht wert. Ich musste zuerst ganz unten ankommen, bis ich es ausprobierte.» Als es für die Miete nicht mehr reichte, erstellte er ein Profil auf Elance. Hier findet er eine Liste von Jobs, auf die er sich bewerben kann. Täglich loggt er sich ein. Vierzig Bewerbungen darf er kostenlos verschicken, dann lässt sich die Plattform bezahlen.

Er konnte seine Sozialbeiträge nicht bezahlen

Millionen leben bereits in dieser «Gig-Wirtschaft», in der sie eigenständig passende Einsätze suchen über Apps und Internetseiten, die sie mit zahlungswilliger Kundschaft vernetzen. Sie fahren Taxis für Uber, installieren Leuchten für Task Rabbit, stylen Haare für Glam-Squad oder übernehmen Service-Schichten für Shiftgig. Oder designen Restaurants in Dubai – wie Dionysios Bafis über Elance.

Es ist schwierig, aus dem Griechen herauszukriegen, wie gut er von seiner neuen Arbeit leben kann. Einerseits erzählt er, dass er doppelt so viel verdiene, wie wenn er fest angestellt wäre als Designer in Berlin. Andererseits kann er gerade nicht zum Arzt, weil er seine Sozialbeiträge nicht bezahlen konnte.

Ganz auf sich alleine gestellt

Mit dem Schritt in die Selbständigkeit nimmt er den Unternehmen, die ihn anheuern, eine Menge Arbeit ab. Sie müssen sich nicht um Ferienzulagen, Überstunden, Sozialbeiträge oder Versicherungen kümmern – das macht er selbst. «Wenn du aus dem ‹System› heraustrittst, bist du völlig auf dich alleine gestellt», sagt Bafis und dreht sich eine weitere Zigarette, «du sorgst dich, bist gestresst und mit den Nerven am Ende.»

Dennoch steuert Dionysios Bafis das Gespräch immer wieder hin zu den positiven Aspekten – als wolle er auch sich von den Vorteilen überzeugen und klar machen, dass er mehr ist als ein Arbeiter. Belügt er sich nicht selbst und arbeitet heute mehr für weniger Geld und weniger Sicherheit? «Ich habe meine Preise nicht gesenkt, aber ich arbeite doppelt so viel», sagt er. Also doch mehr Arbeit für weniger Geld? Daraufhin fragt Bafis: «Was ist besser? Zehn Stunden in einem Büro zu verbringen oder zwölf Stunden zu arbeiten, aber am Strand, in Badeshorts und barfuss?»

Sieben Tage einsatzbereit sein

Doch ganz so bequem sei die Arbeit eben doch nicht, räumt er ein: «Manchmal fühle ich mich wie ein Chirurg – da kommt auch am Sonntag ein Anruf und ich muss arbeiten.» Die Konkurrenz ist hart und global. Auf der Plattform Elance gibt es Hunderttausende andere Designer. Viele zahlen keine Mieten in Berlin, sondern etwa in Neu Dehli. 100 Dollar sind dort viel mehr wert.

Während die Gesetzgeber weltweit mit neuen Regeln für diese neue Arbeitswelt hadern, wartet die Privatwirtschaft nicht: Nebst Plattformen wie Elance sind Gemeinschaftsarbeitsräume entstanden – tage-, wochen- und monatsweise mietbar. Die geben ein wenig Halt im globalen Kampf um Jobs und Gigs.

An dieser Zukunft wird noch gebastelt, das ist auch Dionysios Bafis klar. Aber die Vergangenheit funktioniere ja auch nicht. Als Grieche wisse er das. «In Griechenland merken die Leute erst jetzt, dass das alte System nicht funktioniert.» Trotz Arbeitgeber und stattlichen Schutz sei am Ende jeder auf sich alleine gestellt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 3.8.2015, 17:15 Uhr

«Menschen von morgen»

In einer dreiteiligen Serie porträtieren wir Menschen, die der Zukunft einen Schritt voraus sind.