Vor 20 Jahren forderte Cyberpionier Barlow: «Lasst uns in Ruhe!»

1996 schrieb John Perry Barlow die «Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace». Darin kritisierte der Poet und Aktivist erstaunlich früh die staatliche Kontrolle im Netz. Ist Barlows Unabhängigkeitserklärung heute noch relevant?

Portät Barlow

Bildlegende: John Perry Barlows Manifest von 1996 verbreitete sich in Windeseile. Flickr/Joi Ito

John Perry Barlow ist heute 68 Jahre alt. Er hat volles Haar, einen verschmitzten Blick und trägt ein goldenes Amulett um den Hals. Früher schrieb er Songtexte für The Grateful Dead, nahm LSD und züchtete Rinder in Wyoming.

Dann kam das Internet. John Perry Barlow benützte es bereits zu einer Zeit, als die meisten noch Briefe schrieben und den Brockhaus als Informationsquelle benutzten, nämlich Mitte der 1980er-Jahre. Barlow wurde zum Pionier, der sich früh mit Netzthemen auseinandersetzte. Es stand für ihn für die Freiheit, von der er immer geträumt hatte.

Barlow witterte Gefahr

Barlow rief zusammen mit einem Softwaremillionär die «Electronic Frontier Foundation» ins Leben, die noch heute für freie Netze und gegen Überwachung kämpft. Und er ist Mitbegründer der «Freedom of the Press Foundation», zu der auch Edward Snowden und Laura Poitras gehören.

Seine «Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace» schrieb John Perry Barlow 1996 – als Reaktion auf ein neues Gesetz. Der sogenannte Telecommunications Act sollte den Telekommunikationssektor kommerzialisieren und die Redefreiheit zum Zweck des Jugendschutzes einschränken. Barlow witterte Gefahr für die Freiheit des Netzes. Und begann zu schreiben.

«Lasst uns in Ruhe!»

«Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen ...»

In diesem feierlichen Ton geht Barlows «Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace» weiter. Sinngemäss schreibt er, die Regierungen sollen die Finger vom Cyberspace lassen. Das Netz sei demokratisch und es herrsche Redefreiheit. Ausserdem, so Barlow, sei der Cyberspace körperlos. Man würde selber eine eigene Ethik entwickeln – und im Netz sei alles gratis,

Porträt Hernani Marques

Bildlegende: Hernani Marques. ZVG

Vorbild für den «Chaos Computer Club»

Es ist erstaunlich, wie viele Themen Barlow bereits vor 20 Jahren angesprochen hat. Noch heute bezieht sich der Hackerverein «Chaos Computer Club» auf einige Stellen seines Manifestes. Denn auch der Chaos Computer Club kämpft für freien Zugang zu Information sowie sichere Datenübermittlung im Netz und wehrt sich gegen staatliche Überwachung und Internetzensur.

Hernani Marques, Aktivist und Pressesprecher vom Schweizer Ableger des Chaos Computer Club, erwähnt aber auch Punkte in Barlows Manifest, die 2016 nicht mehr so aussehen: Die Unterscheidung von realem Leben und Cyberspace liesse sich heute nicht mehr so deutlich machen – man denke nur an die Smartphones, mit denen das Internet heute allgegenwärtig sei. Barlow habe auch nicht vorausgesehen, wie stark das Internet automatisiert werden sollte. So würden User heute oftmals automatisch kategorisiert, eingeteilt und aussortiert, etwa von Bank- oder Zensursystemen, bei denen der Mensch keinen Einfluss mehr habe.

Viele richtige Voraussagen

In den meisten Punkten aber hätte Barlow vieles richtig eingeschätzt, sagt Marques: «Er hat richtig analysiert, dass es Versuche geben wird, die Herrschenden – seien es die Staaten oder die Privatwirtschaft – versuchen, mit Zensur und Überwachung das Internet zu kontrollieren. Spätestens seit Snowden ist allen klar geworden, dass die Situation masslos ausgeartet ist.»

Allerdings, so Marques, sei die Situation heute bedenklicher geworden als es Barlow befürchtet hatte. Bezüglich der Freiheit im Netz stünden wir an einem Wendepunkt: «Wenn wir nicht politisch und technisch dafür sorgen, dass die Leute die Freiheit im Internet wahren können, verliert das Netz die Befreiungskomponente, die es ursprünglich hatte.»

Aus heutiger Sicht ist Barlows Manifest also vielleicht in manchen Punkten utopisch. Und doch: Die «Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace» gilt bis heute als einer der am häufigsten kopierten Texte in der Geschichte des Internets.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 8.2.16, 16:45 Uhr