Vor dem IS-Terror lebten die Religionen friedlich nebeneinander

Der Deutsche Arzt Joost Butenop war für einen Hilfseinsatz im Nordirak. In der kurdischen Stadt Erbil suchen Tausende von Flüchtlingen Zuflucht vor der Terrorgruppe Islamischer Staat. Nach seiner Heimreise spricht der Arzt über Hitze und Müdigkeit. Und eine grosse Traurigkeit.

Eine Frau liegt auf einer Kirchenbank

Bildlegende: Eine christliche Irakerin flüchtet vor dem IS-Terror in die St. Joseph Kirche in Erbil, Nordirak. Keystone

Der Krieg, der im Nordirak wieder aufgeflammt ist, macht die Religionsgemeinschaften betroffen: Der Papst hat einen Sondergesandten in den Irak geschickt und die Kirchen in der Schweiz planen einen ökumenischen Anlass als Zeichen der Solidarität mit der Bevölkerung in Syrien und im Irak. Vor Ort setzt sich zum Beispiel der Malteserorden ein, eine christliche Hilfsorganisation. Der Deutsche Arzt Joost Butenop war zehn Tage für den Orden im Krisengebiet im Einsatz.

Joost Butenop, Sie sind vor kurzem wieder nach Deutschland zurückgekehrt, nachdem sie in einem Flüchtlingslager in der kurdischen Stadt Erbil unterwegs waren. Wie muss man sich die Situation vor Ort vorstellen?

Mann in Flüchtlingslager.

Bildlegende: Joost Butenop im Einsatz in einem Flüchtlingslager in Shaklawa, rund 50 Kilometer nordöstlich von Erbil. Malteser International

Die Situation in Erbil selber, konkret im christlichen Stadtteil Ainkawa, ist dramatisch. In diesem Stadtteil wohnen normalerweise 30‘000 Menschen – in den letzten zwei Wochen haben über 17‘000 Vertriebene in diesem Stadtteil Zuflucht gesucht. Es ist nicht ein grosses Lager, in dem alle Flüchtlinge leben, sondern es sind 24 kleine Lager.

Diese sind über die ganze Stadt verteilt, vor allem auf Kirchengrundstücken, in Schulen, in Parks oder in leerstehenden Gebäuden. Das macht es für die Helfer schwierig: Während die einen schon relativ gut versorgt sind, sind andere noch nicht einmal registriert. Wir haben also keine genauen Zahlen, wissen nicht, wie viele Flüchtlinge es tatsächlich sind.

Das heisst, man kann die Zahl der Flüchtlinge, die jetzt in diesem Gebiet sind, nicht so genau einschätzen. Was ist denn momentan die grösste Bedrohung für die Menschen dort?

Zunächst einmal brauchen die Vertriebenen Wasser, denn die grösste Bedrohung ist die Hitze, das Austrocknen. Da muss man einerseits dagegen antrinken, andererseits braucht es aber auch entsprechende Unterkünfte, die Schatten spenden. Dank der schnellen Aktion der Vereinten Nationen ist dieses Problem zum Glück grösstenteils gelöst. Der Gesundheitsbereich hingegen hinkt noch etwas hinterher.

Man hat das Gefühl, der Krieg in Nordirak tobe zwischen den Religionen – ist es tatsächlich so, dass die sunnitischen Islamisten der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) auf Christen und Jesiden losgehen?

Das ist in der Tat so, aber nicht nur. Sie gehen genauso auf Schiiten los. Aber es ist definitiv ein Religionskrieg. Es geht um eine ethnisch-religiöse Säuberung, die Sunniten der IS wollen alle Nicht-Sunniten aus diesem Gebiet vertreiben.

Und wie positionieren sich die Sunniten zur IS? Gerade für die Kurden, die teilweise selber sunnitisch sind, muss das eine schwierige Situation sein.

Wir haben von vielen Menschen gehört, dass sie zutiefst erschüttert sind von dieser religiösen Sektiererei der IS-Terrorgruppe. Denn in Kurdistan, im Norden des Irak, hat dieser Extremismus keine Tradition. Die Religionen leben sehr friedlich nebeneinander. Wir haben die Menschen gefragt, wie das sei in den Lagern, wenn Schiiten und Jesiden miteinander leben müssten, ob es Konfliktpotenzial gebe. Sie haben alle den Kopf geschüttelt und gelacht. Wenn es Konflikte gebe, dann unter den Christen oder unter den Jesiden selber, aber nicht zwischen den Religionen. Streit wegen der Religion: Das kennen sie nicht, das wollten sie nicht. Da reagieren viele ganz traurig darauf. In der Region herrscht ein hohes Niveau an Toleranz.

Heisst das also, dass es Solidarität und Zusammenhalt einerseits unter den Vertriebenen, aber auch zwischen den Vertriebenen und der Bevölkerung von Erbil gibt?

Ja, das möchte ich betonen: Bei all meinen Einsätzen habe ich so etwas noch nie erlebt, eine so grosse Bereitschaft zur Solidarität und zur Nachbarschaftshilfe. Reiche Menschen und Ärzte haben Medikamente, Material oder Geld gespendet, um zu helfen. Das ist auch für mich eine beeindruckende Erfahrung, eine solche Atmosphäre der Hilfsbereitschaft zu erleben.

Wie kann man den Flüchtlingen am besten helfen? Sind das tatsächlich Waffenlieferungen, wie sie teilweise auch von Seiten der Kirchen unterstützt werden?

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Die USA beliefern Kurden im Nordirak mit Waffen

6:03 min, aus 10vor10 vom 11.8.2014

Man kann in so einem Konflikt sicher nicht pazifistisch daneben stehen und sagen, das wird sich schon alles zurechtrücken. Wir haben es hier mit einer Extremistengruppe zu tun, die sich sogar von Al Kaida abgespalten hat, die also jenseits dessen ist, was man mit gesundem Menschenverstand verstehen kann. Es ist eine Region, in der sowieso schon viele Waffen vorhanden sind, die krisengeschüttelt ist. Rundherum sind alles Länder, die von manchen als die Achse des Bösen bezeichnet werden. Hier noch mehr Waffen reinzupumpen finde ich kritisch. Denn die Waffen verschwinden nicht, nachdem sich der Konflikt aufgelöst hat. Doch wenn zum Beispiel die Amerikaner die Truppen der Regierung mit ihrer Luftwaffe unterstützen, um die Terrormilizen zurückzudrängen, dann dünkt mich das sinnvoll.

Wie geht es Ihnen nach diesem Einsatz persönlich?

Für mich als Privatperson muss ich sagen, dass die Müdigkeit überwiegt. Wir haben 14, 15 Stunden gearbeitet, es gab sehr viel zu tun. Ansonsten ist es ein Gefühl der tiefen Traurigkeit, das ich mitnehme. Viele der nun Vertriebenen sind in den letzten 20 Jahren schon zwei, drei Mal vertrieben worden. Sie haben keine Lust mehr, sind müde. Viele wollen auch gar nicht mehr zurück, sondern ins Ausland. Die Enttäuschung ist umso grösser, als dass sich Kurdistan seit Saddam Husseins Sturz stark entwickelt hatte. Die Menschen sind einfach traurig und müde von diesen ständig neuen Bedrohungen.

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