Vor lauter Schönheit austicken – das Stendhal-Syndrom

1817. Stendhal ist in Florenz. Und sieht zum ersten Mal Fresken von Michelangelo. Er bekommt Herzrasen vor so viel Schönheit! Noch heute erkranken Kunstreisende am sogenannten Stendhal-Syndrom. Kann Kunstbetrachtung gesundheitsgefährdend sein? Oder gibt es banale Erklärungen für das Phänomen?

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Das Stendhal-Syndrom

4:46 min, aus Kulturplatz vom 17.9.2014

Florenz. Wiege der Kunst. Unzählige Kirchen, Paläste, Museen, Bilder, Fresken. Statuen durchziehen die Stadt. Kunst wohin das Auge reicht. Das kann dem einen oder anderen Reisenden unter die Haut gehen und soll unter Umständen gar ein Syndrom auslösen: das Stendhal-Syndrom. Benannt nach dem französischen Autor Marie-Henry Beyle, besser bekannt unter dem Pseudonym Stendhal. Der hat die Symptome als erster beschrieben. Das war 1817.

Himmlische Empfindungen

«Ich befand mich in einer Art Ekstase bei dem Gedanken, in Florenz und den Gräbern so vieler Grosser so nahe zu sein. Ich war in Bewunderung der erhabenen Schönheit versunken. Ich sah sie aus nächster Nähe und berührte sie fast.» So erlebte Stendhal seinen ersten Besuch in der Kirche Santa Croce.

Es waren die Fresken und die Gräber des Michelangelo, Macchiavelli und Galilei, die bei dem Schriftsteller einen tiefen Eindruck hinterliessen. «Ich war auf dem Punkt der Begeisterung angelangt, wo sich die himmlischen Empfindungen, wie sie die Kunst bietet, mit leidenschaftlichen Gefühlen gatten. Als ich die Kirche verliess, mir klopfte das Herz; mein Lebensquell war versiegt und ich fürchtete, um zufallen.»

Berauschte Köpfe in Flammen

David von Michelangelo in Florenz, davor Touristinnen und ein Polizist.

Bildlegende: Wer zu lange auf Michelangelos «David» starrt, bei dem kann die Sicherung durchbrennen. Keystone

Einer Ohnmacht nahe taumelte Stendhal aus der Kirche an die frische Luft. Was er erlebte, passiert anscheinend bis heute. Menschen, die Florenz besuchen und austicken.

Menschen, die eine sexuelle Identitätskrise erleiden beim Anblick des Jugendlichen Bacchus von Caravaggio.

Die berauscht den Kopf in Flammen wähnen – beim Besuch des David von Michelangelo. Oder zwischen Euphorie und Erschöpfung die Stadt durchstreifen und ihre Namen vergessen haben.

Herzflattern, Atemnot, ein unbestimmtes Ziehen in der Brust, plötzliche Hitze, Schwindelgefühle, bis hin zur Panikattacke. Wahnvorstellungen, Verwirrung oder gar Ohnmacht – die Symptome sind vielfältig.

Die Mutter des Syndroms

Die florentiner Psychoanalytikerin Graziella Magherini behandelte in der psychiatrischen Klinik Santa Maria Nuova über die Jahre wiederholt Fälle solch körperlich angeschlagener und geistig verwirrter Kunstreisender.

Sie dokumentierte die Patientengeschichten und entwarf schliesslich das Krankheitsbild: «Stendhal-Syndrom», auch die «florentinsche Krankheit» genannt oder «Hyperculturamie».

Schlicht die Folge von Dehydrierung?

Also ist das Stendhal-Syndrom nur Magherinis Erfindung? Keine geheimnisvolle Krankheit sondern schlicht die Folge von Dehydrierung im heissen Italien? Die Folge von schlechter Luft in den Museen, von Platznot in den Touristenmassen oder von einem Blutstau im Halbwirbelbereich beim Starren hoch an die Fresken und Deckengemälde? Hat das alles ganz banale physiologische Ursachen, die dem Kunstreisenden Schwindel bereiten und möglicherweise in eine geistige Verwirrung münden?

Eine Überarbeitung der Seele

Psychoanalytiker Tilmann Moser misst dem Syndrom in der Tat keine grosse Bedeutung zu. Bestätigt aber eine – unter Umständen auch starke – Wirkungskraft der Kunst auf die Psyche. «Bilder wecken Gefühle, die schon latent vorhanden sind, also die schon irgendwann gefühlt worden sind» sagt er. «Wenn jetzt der Mensch Kunst anschaut», so Moser, «dann gibt es die ganz ruhige ästhetische Betrachtung. Aber es gibt auch die Betrachtung, die mit der inneren Konfliktlage des Betrachters korrespondiert. Und da gibt es erstaunliche Unterschiede in der Heftigkeit der Reaktion, bis hin zu einem schockartigen Erleben.»

Moser erklärt das Krankheitsbild als eine mögliche «Überarbeitung der Seele» – angesichts der Fülle an Kunst und dementsprechend eine Fülle an ausgelösten Emotionen. «So viele Gefühle hintereinander sind schwer zu verdauen, besonders wenn einzelne eine innere Gefühlslage treffen und die noch verstärken.» So kann auf Kunstreisen ein «konzentrierter Zustand von Anfälligkeit, von Überdrehtheit entstehen, der die beschriebenen Symptome auszulösen vermag.»

Keine Langzeitschäden

Besucher vor den Uffizien

Bildlegende: Die Psychologin sagt, Nordeuropäer seien am meisten gefährdet, weil sie nicht an Kunst gewöhnt seien. Hört, hört. Keystone

Gefährdet sind gemäss Magherini vor allem alleinreisende nordeuropäische Touristen. Menschen, zwischen 20 und 40 Jahren, die aus Ländern stammen, in denen kein Überfluss an traditionsreichen Kunstwerken herrscht und die sich intensiv auf die Kunstreise vorbereitet haben. Der pragmatische Japaner im Reisepulk ist weniger gefährdet. Auch den Italiener hauen ein paar Fresken in der Regel nicht um. Dieser ist mit der ganzen Pracht aufgewachsen. Den einen oder anderen Schweizer mag das Syndrom möglicherweise auch schon befallen haben.

In schweren Fällen: Florenz sofort verlassen

Aber glücklicherweise hinterlässt das Stendhal-Syndrom im Normalfall keine Langzeitschäden. Die Symptome klingen bereits nach kurzer Zeit wieder ab. Die Fachleute raten den Kunst-Erkrankten zu Ruhe. Ferner soll den überstrapazierten Seelen ein Dialog in der Heimatsprache helfen. Nur in schweren Fällen sei es ratsam, Florenz möglichst schnell zu verlassen.

Nun, es muss nicht immer im Drama enden. In der Regel ist die Beschäftigung mit Kunst eine wohltuende Seelenmassage. Und wenn einen in Florenz oder anderswo ein Stendhal-Schwindel befällt oder ein Kunstwerk umhaut, dann kann man sich ja eigentlich glücklich schätzen. Denn dann hat die Kunst das Innerste berührt und so das Äusserste erreicht.

Buchhinweis

Graziella Magherini: «La sindrome di Stendhal», Florenz 1989

Tilmann Moser: «Kunst und Psyche, Bilder als Spiegel der Seele», Stuttgart 2010

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