Wann sind Katastrophenbilder legitim? Und wann voyeuristisch?

Welche Bilder von Kriegen und Katastrophen sind in Medien zulässig? Eine alte, strittige Frage wird im Zusammenhang mit dem Flugzeugabsturz in der Ukraine wieder brisant. Unter Beschuss kommt auch die renommierte Fotoagentur Magnum. Für den Fotografen Reto Camenisch verletzte sie die Menschenwürde.

Absturzstelle eines Flugzeuges in einem Kornfeld in der Ukraine.

Bildlegende: Manchmal ist es zulässig, wenn man Tote sieht – nur erkennen sollte man sie nicht (Absturzstelle der MH17 in Hrabove). Reuters

Magnum-Fotograf Jerome Sessini war einer der ersten, der am Absturzort der MH17 der Malaysia-Airlines eintraf. Was er sah, war schrecklich. Was er fotografierte und via Website seiner Fotoagentur verbreitete, ebenfalls. Auf den Bildern sieht man entstellte Körper, einen abgerissenen Fuss, der auf einer Landstrasse liegt, die Leiche einer Frau mit buntem Kleid – wer sie kannte, kennt sie.

Distanzlos, voyeuristisch, vulgär

Reto Camenisch, Studienleiter redaktionelle Fotografie am Medienausbildungszentrum MAZ in Luzern, ist empört über die «ungezügelte Rohheit der Bilder»: Viele der von Magnum angebotenen Bilder seien distanzlos, voyeuristisch, vulgär – jedenfalls weit weg etwa von den Richtlinien des Schweizer Presserats, wonach bei jeder Berichterstattung die Gefühle und das Leid der Betroffenen und derer Angehörigen zu respektieren seien. Im Gegenteil: Hier werde die Menschenwürde der Opfer mit Füssen getreten. Zudem habe die Agentur jedem ohne Codierung Zugang zu diesen Bildern ermöglicht.

Was liegt im öffentlichen Interesse?

Natürlich müsse man Krieg und Katastrophen fotografisch dokumentieren, stellt Reto Camenisch klar. In einzelnen Fällen sei es auch wichtig, dass Tote auf den Bildern identifiziert werden könnten. Die Fotografie des toten Saddam Hussein zum Beispiel sei legitim gewesen, weil der ehemalige irakische Staatspräsident eine geschichtliche Bedeutung gehabt habe und sein verbürgter Tod von öffentlichem Interesse gewesen sei. Bei den unschuldigen, namenlosen Absturzopfern hingegen, gehe es bloss um Voyeurismus.

Um in der Öffentlichkeit mit einem Bild etwas auszulösen und politisch etwas zu bewegen – so wie etwa vor 50 Jahren das Bild des napalmversehrten Mädchens im Vietnamkrieg -, brauche es heute keine Bilder von geschundenen Körpern und entstellten Leichen. Laute, distanzlose Bilder stumpften bloss ab.

«Es braucht heute intelligentere, subtilere Bilder vom Krieg», sagt Reto Camenisch und erwähnt etwa die Serie des Magnum-Fotografen Peter van Agtmael, der das Kasernenlebens amerikanischer Truppen in Afghanistan dokumentierte. In den USA habe diese Serie zu einer anderen Sicht auf den Afghanistan-Feldzug geführt.

Zurückhaltende Schweizer Medien

Dass die expliziten Bilder von der Absturzstelle ausgerechnet von der renommierten Fotoagentur Magnum verbreitet worden sind, schmerzt Reto Camenisch besonders. Magnum, 1947 von Fotografen rund um Robert Capa und Henri Cartier-Bresson gegründet, sei doch sozusagen «die Mutter aller Bildagenturen» und für viele Fotografen auf der ganzen Welt eine Instanz. Wenn Magnum solche Bilder nun frei zugänglich ins Netz stelle, habe das womöglich Signalwirkung, befürchtet Reto Camenisch. Es könnte dazu führen, dass die Schweizer Medien – die ihre Berichte über den Flugzeugabsturz bislang sehr zurückhaltend bebildert haben – diese Zurückhaltung aufgeben.

Reto Camenisch hat seine heftige Kritik an Magnum nicht nur in seinem Blog formuliert, sondern auch in einem Brief an die Fotoagentur. Von ihr gehört habe er bisher nichts, die besonders grausamen Bilder seien inzwischen aber von der Seite gelöscht worden.

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