Warum die Stadt-Land-Kluft die Schweizer Politiklandschaft prägt

Der Graben zwischen Stadt und Land: Er tut sich bei Abstimmungen immer wieder auf. Dass Städter anders abstimmen als Ländler habe auch mit den Bildungsunterschieden zu tun, sagt der Politologe Werner Seitz. Er hat sich mit der Geschichte des politischen Grabens auseinandergesetzt.

Eine Schweizer Flagge an einem Steilhang.

Bildlegende: Die Kluft zwischen Stadt und Land hat sich immer wieder verändert. Sie besteht aber bis heute noch. Keystone

Es fällt immer wieder auf: Stimmbürgerinnen und Stimmbürger in der Stadt entscheiden anders als jene auf dem Land. Wie wichtig ist diese Trennlinie?

Werner Seitz: Der Stadt-Land-Graben ist sehr wichtig. Er tut sich bei Abstimmungen häufig auf. Vor den 1990er-Jahren gingen die Meinungen vor allem bei klassischen Stadt-Land-Themen wie Mieter- oder Konsumentenschutz oder Landwirtschaftspolitik auseinander. Das hat sich in der Zwischenzeit geändert, weil neue Themen dazugekommen sind. So standen vermehrt verkehrs- und aussenpolitische Vorlagen zur Debatte. Diese werden von Stadt und Land ebenfalls oft sehr unterschiedlich bewertet. Aber auch wenn es um Fragen der Gleichstellung oder um Drogenpolitik geht, gibt es Differenzen.

Das heisst, der Stadt-Land-Konflikt ist heute weniger ein ökonomischer Konflikt als ein Wertekonflikt?

Ja, gerade gesellschaftspolitische Fragen werden in der Stadt anders bewertet als auf dem Land. Diese Differenz geht auch auf die vorherrschenden Bildungsunterschiede zurück. In den Städten wohnt eine neue, gebildete Mittelschicht. Viele Menschen arbeiten hier im öffentlichen Sektor, im Gesundheits- oder Bildungswesen. Sie sehen bei aussenpolitischen Vorlagen, wenn es etwa um eine europäische oder internationale Öffnung geht, eine Chance. Während sich die traditionelle Mittelschicht auf dem Land wirtschaftlich und kulturell eher bedroht fühlt.

Stadt und Land sind oft nicht mehr trennscharf zu unterscheiden. Im Raum zwischen den städtischen Zentren gibt es viel Agglomeration. Welche Bedeutung hat sie?

Sie spielt eine entscheidende Rolle. Denn: In Städten wie Zürich, Bern, Basel, Genf und Lausanne leben nur etwa 15 Prozent der Bevölkerung. Und in agrarisch geprägten Gemeinden sind es nur 10 Prozent. Der grösste Teil der Bevölkerung in der Schweiz lebt in der Agglomeration, die allerdings nicht homogen ist. Sie hat sich aus zwei politischen Milieus heraus entwickelt: So breitete sich die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg in ihr Umland aus. Arbeiter, auch viele Ausländer, suchten dort preisgünstige Wohnungen. Unter denen, die sich in diesem Agglomerationsgürtel niederliessen, sind viele, die sich heute in ihrer kulturellen Identität bedrängt sehen. Sie neigen daher dazu, SVP zu wählen. In den 1960er-Jahren wurden dann neue, von den Städten abgekoppelte Zonen erschlossen. Neue Gebiete mit Einfamilienhäusern, wo sich gut Betuchte ansiedelten, die politisch eher auf der liberal-konservativen Seite stehen.

Welche Bedeutung hat die Trennlinie Stadt-Land, wenn wir sie in einem grösseren Zeitraum, in der Spanne der letzten 100 Jahren, betrachten?

Gerade vor hundert Jahren, 1914, war die Kluft sehr tief. Während des Ersten Weltkriegs litt die Bevölkerung in den Städten Hunger und viele Menschen waren arbeitslos. Im Vergleich dazu lebten die Bauern auf dem Land relativ gut. Es gab Kriegsgewinnler, die ihren Reichtum recht unverblümt zur Schau stellten, was die soziale Spannung verstärkte, bis es 1918 zum Generalstreik kam. Die bürgerlichen Kräfte boten 100'000 Soldaten auf, vor allem Männer vom Land. Das hat den Konflikt zwischen Stadt und Land nachhaltig verschärft.

Was wurde aus diesem Konflikt?

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Graben wieder etwas zugeschüttet. Mit der Idee der geistigen Landesverteidigung versuchte die Schweiz, sich als Land darzustellen, das trotz der Vielfalt von Regionen und Sprachen von einer inneren Einigkeit zusammengehalten wird. Der Stadt-Land-Graben ist aber heute noch der wichtigste Graben in der Polit-Landschaft. Diese Kluft zeigt sich immer wieder bei Entscheiden, bei denen es um Fragen der Öffnung und Abschliessung geht. Dies war bei der Abstimmung über die erleichterte Einbürgerung 2004 der Fall, auch beim Entscheid über ein Minarettverbot 2009 oder über die «Masseneinwanderungsinitiative» in diesem Jahr.

Zu Werner Seitz

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Matthias Preisser

Der Politologe Werner Seitz leitet beim Bundesamt für Statistik die Sektion Politik, Kultur, Medien. 2014 erschien seine Studie «Geschichte der politischen Gräben in der Schweiz. Eine Darstellung anhand der eidgenössischen Wahl und Abstimmungsergebnisse von 1848 bis 2012».

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