Warum es für viele Flüchtlinge «Endstation Milano» heisst

Ist die gefährliche Fahrt übers Mittelmeer überstanden, geht für viele Flüchtlinge der beschwerliche Weg weiter. Der Hauptbahnhof von Mailand ist dafür Ausgangspunkt und oft auch Endstation. Alle wollen weiter nach Nordeuropa, viele stranden erneut in den Fängen von Schleppern und Betrügern.

Ein weiss-grauer Zug steht im Bahnhof von Mailand, das blaue Schild «Milano Centrale» darüber.

Bildlegende: Wie geht es weiter? Für viele Asylsuchende ist der Hauptbahnhof Mailands ein Ort, wo sich ihre Zukunft entscheidet. Keystone

Werbebotschaften flimmern über einen Grossbildschirm. Auf einer kalten Steinbank sitzen müde Menschen. Auf einem Holztisch sind Mineralwasser und Gebäck bereit. Hier, in diesem versteckten Winkel von Milano Centrale, dem Hauptbahnhof von Mailand, warten Freiwillige vom Verein SOS Emergenza Rifugiati Milano, der Flüchtlingsnothilfe Mailands, auf Flüchtlinge, die mit den Zügen aus Süditalien anreisen.

Schweiz und Italien sind keine Option

Der Bahnhof ist für die Flüchtlinge Treffpunkt und Abfahrtsort. Hier tauschen sich die Flüchtlinge aus, hier erfahren sie mehr über die Weiterreise. Susy Iovieno, Mitbegründerin der Flüchtlingshilfe in Milano Centrale, sagt: «Von 50'000 Syrern, die hier durchgereist sind, haben 130 in Italien ein Asylgesuch gestellt. Nicht einmal ein Prozent. Praktisch alle wollen weiter.»

Niemand will in die Schweiz. Die Schweiz gilt als Land, das Asylsuchende zurückschickt. Die Hauptroute führt über den Brennerpass nach Deutschland. Und über Ventimiglia nach Frankreich dann via Holland nach Nordeuropa.

Hoher Preis für eine ungewisse Zukunft

Legale Weiterreisen gibt es nicht. In Mailand bieten Schlepper Reisen für viel Geld an. Oft werden die Flüchtlinge aber auch in Nordeuropa abgewiesen. Sie kehren weinend zurück, weil sie ihre letzten 1000 Euro ausgegeben haben. Erneut sind sie bestohlen und betrogen, nicht nur um ihr Geld, auch um ihre Hoffnung.

«Jeder hat seine Geschichte.» Riad Khadraui, ein 33-jähriger Flüchtling aus Syrien, sagt es mehrmals. Es gibt Geschichten von Menschen, die von Schleppern von Algerien nach Libyen gebracht worden sind oder die an jedem Checkpoint ausgenommen wurden. Von Flüchtlingen, die Angst vor bewaffneten Banden hatten oder die in Libyen bestohlen wurden und deshalb kein Geld mehr für die Überfahrt hatten. Oder auch von Asylsuchenden, die in Italien festsitzen, weil sie ohne Ausweis kein Geld empfangen können.

Wird es diesmal gut gehen?

Jeder hat also seine Geschichte. Alle wissen, wie gefährlich die Reise ist. Aber Woche für Woche legen neue Schiffe an der nordafrikanischen Küste ab. Mit der Hoffnung, dass es diesmal gut gehen wird. «Die Schlepper in Libyen sagen: ‹Nein, dieses Mal ist es ein neues Schiff. Keine Sorge, es gibt kein Problem. Es hat nur wenige Passagiere. Die Überfahrt wird gut.›»

Das sagen sie jedes Mal. Aber nach zwei Stunden erreicht das Boot auf offener See ein grösseres Schiff. Dorthin werden die Passagiere umgeladen. Aus vielen kleineren Booten.

So kommen 300 bis 400 Passagiere auf ein Schiff, das nur 50 Personen aufnehmen kann. Das Schiff ist derart überladen, dass niemand sich bewegen darf. Sonst schlingert es, läuft voll mit Wasser und versinkt. So wie beim Flüchtlingsdrama, das sich kürzlich im Mittelmeer ereignete und bei dem Hunderte Menschen ums Leben kamen.

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