Warum gibt es unser Universum?

Warum gibt es etwas und nicht einfach nichts? Der US-Amerikaner Jim Holt beschreibt, wie er nach einer Antwort auf diese Grundfrage sucht – und präsentiert sich als scharfsinniger philosophischer Detektiv. Sein neustes Buch ist kritisch, unterhaltsam und fühlt sich stellenweise an wie ein Roadmovie.

Hinter einem warm leuchtenden Haus und einigen Bäumen tut sich ein Himmel voll grünem Polarlicht auf.

Bildlegende: Wie ist das Universum entstanden und was war davor? Jim Holt hat Antworten, aber keine Lösungen gefunden. Reuters

Warum gibt es unser Universum, warum gibt es Raum und Zeit? Warum ist nicht einfach nichts? An dieser Grundfrage, die an die Grundfesten des Denkens rührt, haben sich bereits Generationen von klugen Geistern die Zähne ausgebissen: Leibniz, Heidegger, Sartre und viele andere. Eine überzeugende Antwort steht noch immer aus.

Das Erweckungserlebnis

Der amerikanische Journalist und Sachbuchautor Jim Holt widmet dieser einen Frage sein ganzes neues Buch: «Gibt es alles oder nichts? Eine philosophische Detektivgeschichte». Und tatsächlich hat Jim Holt Züge eines scharf denkenden Ermittlers, der mit unbeirrbarem Spürsinn seine Recherchen vorantreibt, um endlich eine Antwort auf die eine grosse Frage zu bekommen.

Sie habe ihn bereits in seiner Adoleszenz regelrecht verhext, schreibt Holt auf einer der ersten Seiten seines Buchs. Er sei noch «ein Milchbart und Möchtegernrebell an einer High-School im ländlichen Virginia gewesen, als er in einer Bibliothek eher zufällig auf philosophische Bücher gestossen sei, welche diese Frage aufwarfen.

Warum ist Seiendes und nicht vielmehr Nichts? «Ich weiss noch», schreibt Bolt, «wie mir dieser Satz mit seiner Kompromisslosigkeit, Reinheit, schieren Wucht die Sprache verschlug.» Die Grundfrage des Denkens überhaupt. Sie habe ihn fortan nicht mehr losgelassen.

Der Detektiv ermittelt

Jim Holt erzählt, wie er in der Folge über Jahre und Jahrzehnte Recherchen angestellt habe. Warum ist Seiendes? Wir begleiten Jim Holt in Bibliotheken, wo er mit detektivischer Akribie philosophische Bücher durchforstet, Werke von den Griechen bis zu Gegenwart. Immer auf der Suche nach der Antwort auf die eine Frage.

Manchmal fühlen wir uns bei der Lektüre wie in einem Roadmovie. Dann, wenn wir im Auto oder Flugzeuge gemeinsam mit Jim Holt zu den klügsten Köpfen der Gegenwart reisen – zu Mathematikern, Astronomen, Theologinnen und Theologen. Ihnen allen reibt Jim Holt die ewig gleiche Frage unter die Nase: Warum, bitteschön, ist Seiendes?

Alle Befragten wissen es

Er erhält Antworten. Immer. Allerdings immer andere. Ein Quantenphysiker etwa erklärt ihm, das Universum sei lediglich aus Zufall entstanden. Es lohne sich deshalb nicht, sich über diesen Vorgang überhaupt den Kopf zu zerbrechen.

So lässig-arrogant diese Antwort daherkommt, so wenig vermag sie den kritischen Geist Jim Holt zu überzeugen: Wenn der Anfang ein Zufall gewesen sein sollte, hält er entgegen, hätte es ja bereits vorher etwas Seiendes geben müssen, in dem dieser Zufall überhaupt hätte stattfinden können. Und was ist dieses vorher bereits Gewesene?

Auch die Antwort eines Theologen, den Jim Holt besucht, befriedigt nicht. Zwar ist auch dieser Experte eine Koryphäe seines Fachs. Das Seiende, gibt dieser zu Protokoll, lasse sich letztlich nur durch die Existenz eines Gottes erklären. Wer eine Antwort auf die Grundfrage allen Seins sucht, landet gemäss dem Theologen am Ende also automatisch beim Gottesbeweis. Jim Holt zweifelt, einmal mehr, denn: Wenn Gott der Schöpfer sein soll – wer hat denn ihn erschaffen?

Keine Lösung in Sicht

Nach 370 Seiten steht fest: Das Geheimnis lässt sich nicht lüften, Jim Holts Versuch, die «Akte Existenz» aufzuklären, scheitert kläglich. Daran vermag auch ein ganz am Schluss des Buchs auftretender buddhistischer Mönch nichts mehr zu ändern: Mit verklärtem Lächeln lässt er verlauten, Holts Frage ziele am Objekt vorbei, das Universum habe nämlich gar keinen Anfang. Es sei vielmehr ewig – in beide Richtungen, in die Vergangenheit und in die Zukunft.

Was sich gut anhört, löst das Problem bei Lichte besehen allerdings auch nicht: Die vom Mönch postulierte Ewigkeit lässt sich mit dem menschlichen Grosshirn schlicht nicht denken. Die buddhistische Antwort liegt ausserhalb des Denkbaren und muss deshalb ebenfalls ausscheiden.

Leichtfüssig und messerscharf

Ist also Jim Holts mit Verve betriebene Ermittlung am Ende für die die Katz? Nein! Dass der philosophische Detektiv keine Antwort findet, lässt sich diesem schwerlich vorwerfen. Bereits vor ihm sind Unzählige an derselben Aufgabe gescheitert. Die Qualität seines Buchs lässt sich demnach nicht an der – am Ende fehlenden – Antwort bemessen.

Was das Werk auszeichnet, ist dessen unterhaltsamer und das eigene Denken anregende Stil, mit dem die Suche geschildert ist. Jim Holt vermag uns Leserinnen und Leser dank seiner erzählerischen Leichtfüssigkeit und der messerscharfen Präzision des Denkens sowohl zu unterhalten, als auch immer wieder ins Staunen zu versetzen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 30.12.14, 12:10 Uhr.

Buchhinweis

Jim Holt: «Gibt es alles oder nichts? Eine philosophische Detektivgeschichte», Rowohlt 2014.