Warum wir uns oft vor dem Falschen fürchten

Der Risikosoziologe Ortwin Renn möchte plausibel machen, warum wir häufig Risiken über- oder unterschätzen. In seinem neuen Buch «Das Risikoparadox» sagt er, warum das so ist. Um riskobewusste Bürger zu werden, sollten wir diese Gründe ebenfalls kennen.

Flugzeug in der Luft vor dunklen Wolken

Bildlegende: Falsche Risikoeinschätzung: Fliegen erscheint uns gefährlicher als Autofahren, doch Statistiken zeigen das Gegenteil. Keystone

Als Risikosziologe weiss Ortwin Renn, dass wir Risiken oft nicht richtig einschätzen. Das zeigt sich beispielsweise darin, wie wir mit Statistiken umgehen. Statistische Daten sind zweifellos eine Hilfe bei der Vermittlung von Information, so Ortwin Renn, aber sie haben auch viele Tücken. Fehler können nur schon beim Zählen auftreten. Zusätzlich spielt es eine Rolle, wie uns das statistische Ergebnis vermittelt wird. Wir empfinden anders, wenn wir lesen «vier von zehn Menschen konnten gerettet werden» als bei «sechs von zehn Menschen konnten nicht gerettet werden».

Ortwin Renn

Bildlegende: Der Risikosoziologe Ortwin Renn untersucht in seinem Buch, wie wir Risiken einschätzen. Acatech/David Ausserhofer

Ähnliches geschieht, wenn wir lesen, dass sich das Risiko einer Magenblutung durch die Einnahme eines bestimmten Medikaments um 100 Prozent erhöht habe: Diese Information macht Angst und stärkt die Empfindung, dass das Medikament vom Markt genommen werden müsse. Wird aber festgestellt, dass von 10'000 Menschen, die dieses Medikament genommen haben, nun bei zwei Personen Magenblutungen auftreten, liegt es nahe, das Medikament zu befürworten. Faktisch identische Aussagen können also zu gegenteiligen Reaktionen führen.

Risiken beim Personen-Transport

Ortwin Renn bezieht sich in seinem Buch «Das Risikoparadox» auch auf die Risiken des Strassenverkehrs im Vergleich zum Flugverkehr. Statistiken belegen, dass Fliegen eindeutig sicherer ist. Jedoch fühlen sich viele Menschen im Strassenverkehr wesentlich sicherer. Wären die 5'000 Verkehrstoten, die während eines Jahres in Deutschland gezählt werden, plötzlich an einem einzigen Tag zu betrauern, würden sich viel weniger Menschen in ein Auto setzen, mutmasst der Risikoforscher. Bezieht sich die Zahl der Todesopfer auf einen einzigen Tag, schreckt sie mehr ab, als wenn die gleiche Zahl über ein Jahr verteilt wird – so geht es uns bei allen Katastrophen.

Klimarisiken und die intuitive Wahrnehmung

Als weiteres Beispiel führt Renn den Klimawandel an: In unseren Breitengraden nehmen wir die Veränderungen durch den Klimawandel nur schleichend wahr. Wir haben wenige Anhaltspunkte, die uns die Dramatik dieser Veränderung eindrücklich vor Augen führen könnte. Wir erfahren viel in den Medien, können uns dort aber die Position aussuchen, die uns passt. So dringt dieses grosse Risiko nur beschränkt in unseren Alltag.

Gefühlsmässig ziehen viele Menschen Medienberichte vor, die den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel negieren. Dabei, so der Risikoforscher, gab es unter den in den letzten Jahren 2142 wissenschaftlichen Artikel in Fachzeitschriften nur 39 Artikel, die den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel in Frage stellten. Hinzu kommt, dass wir durchaus um die Risiken wissen, die mit dem Klimawandel einhergehen, diese Gefahren aber lieber nur dann aufgreifen, wenn es um die Versäumnisse anderer geht. Ist das eigene Verhalten auf dem Prüfstand, werden die Besorgnisse gern relativiert.

Ökologische Risiken in der Wahrnehmung

Für Ortwin Renn ist das Risiko Klimawandel die Speerspitze unter den ökologischen Bedrohungen der Menschheit, auch wenn aktuell vor allem verschmutztes Trinkwasser oder mangelnde Hygiene Menschenleben fordern. Weil der Klimawandel schleichend geschieht, entziehen sich viele Effekte entziehen der Aufmerksamkeit. Menschliche Wahrnehmungsmuster sind auf diese Art von Bedrohung nicht ausgerichtet. Das ist riskant. Der Risikoforscher rät dringend, dass wir die Schwächen unserer Wahrnehmung in diesem Bereich erkennen sollten. Nur eine gute Selbsterkenntnis und Mut helfen dabei, entscheidende Massnahmen zu fordern oder auch nur zu tolerieren, bevor es zur schlimmen Krise kommt. Achselzucken und Verharmlosung als Reaktion verkennen die Gefahr.

Ist ein Risiko in seinen Ausmassen zu bedrohlich, zu gross oder passt es nicht in unsere Überzeugungen, neigen wir dazu, es gar nicht in unser Denken einzubeziehen. Menschen verlassen sich lieber auf das, was sie für richtig erachten. Schwarz oder weiss ist viel erträglicher als das Aushalten von Widersprüchen. Das ist nur menschlich.

Auf dem Weg zum risikomündigen Bürger

Hier kommt das in der Sozialpsychologie bekannte Gesetz der kognitiven Dissonanz zum Tragen. Dieses beschreibt den Spannungszustand, den wir empfinden, wenn unsere Einstellungen nicht mit unserem Handeln oder einer Information übereinstimmen. Um solche Spannungen aufzulösen, blenden wir beispielsweise Informationen aus, die der eigenen Überzeugung zuwiderlaufen. Das zeigt sich etwa beim Autokauf: Hat man sich zu einer Entscheidung durchgerungen, dann möchte man sich diesen Kauf nicht madig machen lassen. Informationen über eventuell bessere Autos in dieser Preisklasse sind dann nicht mehr tolerierbar.

Wir sollten uns dieser Beschränkungen bewusst sein, findet der Risikoforscher Ortwin Renn. Nur so seien wir imstande, unsere Risikowahrnehmung zu schärfen – im Sinn eines risikomündigen Bürgers.

Buchhinweis

Ortwin Renn: «Das Risikoparadox - Warum wir uns vor dem Falschen fürchten». Fischer, 2013 (Erscheint voraussichtlich am 12. Dezember).

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