Was wir mit unserem «digitalen Ich» zeigen wollen

Heute gibt es nicht nur die Person mit ihren Werten, ihrer Identität und ihrem Selbstwertgefühl. Es gibt auch eine zweite, erweitere Identität: das «digitale Ich». Nach dem Motto: «Ich bin, wie ich im Netz erscheine» definiert es sich durch seinen Auftritt im Netz.

Schatten einer Person, die ein Selfie macht.

Bildlegende: «Der Mensch wird nur am Du zum Ich»: Heute übernehmen soziale Medien diese Funktion oft. Getty Images

Die Erscheinung des digitalen Ich kann man nicht auf eine rein narzisstische Selbstdarstellung reduzieren. Soziale Netzwerke werden genutzt, um der eigenen Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen. Dennoch darf der Faktor der Bestätigung nicht unterschätzt werden.

Der Mensch sucht in allen Beziehungen, seien sie virtuell oder personell, Anerkennung und Beachtung durch sein Gegenüber. Die Menge der (virtuellen) Freunde und Follower wird so zum Mass für Zustimmung und kann in der Folge das eigene Selbstwertgefühl erhöhen.

Permanent nach Besserem streben

Die neuen Medien dienen der Selbstoptimierung. Beispielsweise durch Bildbearbeitung, die alles Ungeliebte retuschiert. Oder durch individuelle, der aktuellen Tagesform angepasste Trainingseinheiten zur Maximierung der Leistungsfähigkeit. Dabei stehen der Einzelne und seine optimalen Möglichkeiten im Mittelpunkt.

Die Individualisierung sei das Leitmotiv des digitalen Zeitalters, heisst es immer häufiger. Der Blick auf die Optimierung bedeutet, nicht mit dem zufrieden zu sein, wie man im Moment ist, sondern permanent nach Besserem streben zu müssen.

Das Netz als Ventil

Vielleicht verstecken sich deshalb viele Menschen hinter der Anonymität des Netzes. Sie ermöglicht unter anderem den Ausdruck von Meinungen und Kritik, den sie im direkten Kontakt nicht offenbaren würden. Wo im Alltag Frust, Enttäuschung und Ärger keinen Ausdruck finden, kann das Netz als Ventil herhalten.

Der Vorteil: Man muss keine Konsequenzen tragen, denn man wird nicht zur Rechenschaft gezogen. Die negativen Auswirkungen sind hinlänglich als Shitstorm und Cyber-Mobbing samt ihrer vernichtenden Folgen bekannt.

Das Bedürfnis nach dem anderen

Aber auch das genaue Gegenteil wird praktiziert, indem sich jemand als besonders nett und positiv darstellt. Denn gut anzukommen ist auch online wichtig. Wer im Netz nicht gemocht wird, wird wohl auch in Wirklichkeit ein unangenehmer Zeitgenosse sein. Somit stärkt ein hoher Wert des digitalen Ichs das Selbstwertgefühl.

Derzeit nutzen weit über eine Milliarde Menschen soziale Netzwerke, in denen sie miteinander kommunizieren und Kontakte knüpfen. Das Bedürfnis nach dem anderen und seiner Meinung über uns ist zur Identitätsbildung unerlässlich. «Der Mensch wird nur am Du zum Ich», sagte einst der Religionsphilosoph Martin Buber. Im digitalen Zeitalter übernehmen soziale Medien zum Grossteil diese Funktion.

Hörpunkt «Like me!»

Wir alle möchten bemerkt und gemocht werden. Und wir tun ziemlich viel dafür. Real und digital. Im globalen Getöse braucht es immer auffälligere Gesten, um in der Masse nicht unterzugehen. Ist Narzissmus unumgänglich?
Der HörPunkt mit einer kleinen Phänomenologie der Selbstvermarktung: Am 2. Juli 2015 auf Radio SRF 2 Kultur.

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