Der Cannabis ermöglicht den Marokkanern Wohlstand – auf Zeit

Marokko ist der zweitgrößte Haschisch-Exporteur der Welt. Im Rif-Gebirge im Norden leben rund 800'000 Menschen ausschließlich vom Cannabis-Anbau. Die Pflanze ermöglicht ihnen ein bequemes Leben, verdrängt aber das Dorfleben und zerstört die Landschaft. Ein Geschäftsmodell mit Verfallsdatum.

Cannabis-Büschel an einer Hauswand in Marokko.

Bildlegende: An jeder Hauswand steht Cannabis zum Trocknen. Es ist offensichtlich, wovon die Menschen in der Region leben. Elisabeth Lehmann

Um Alis Haus zu finden, folgt man am besten dem Klopfen. Monoton, fast maschinell weist es den Weg zu dem zweistöckigen Rohbau etwas abseits der Strasse. Ali bittet herein, führt in einen kleinen Raum, in dem zwei junge Männer auf dem nackten Betonfussboden sitzen. Die Beine ausgestreckt, dazwischen mit Plastikplanen bespannte Schüsseln, in den Händen jeweils zwei Stöcke, die im Wechsel auf die Plane knallen. Durch kleine Löcher fällt feiner, grüner Staub in die Schüsseln. Den werden später Händler aus der Stadt kaufen und ihn zu Haschisch verarbeiten. Bezahlt wird in Gramm, wie bei Gold.

Ali ist wie alle in der Region um die Stadt Chefchaouen Cannabis-Bauer. Schätzungsweise 800'000 Menschen leben unmittelbar vom Anbau der Pflanze. 38'000 Tonnen Marihuana und 760 Tonnen Haschisch, also das Harz der weiblichen Cannabis-Pflanze, hat Marokko 2010 produziert. Der grösste Teil davon geht nach Europa. Das Land hat damit über Jahrzehnte die Liste der weltgrössten Haschischexporteure angeführt. Erst 2012 wurde es von Afghanistan abgelöst.

Anbau und Handel sind illegal

Ein Haus in einem marokkanischen Dorf.

Bildlegende: Cannabis schafft Wohlstand im Dorf. Überall entstehen mehrstöckige Häuser. Elisabeth Lehmann

Younes, Alis Cousin, schaut sich nervös um, zieht sein Cappy tiefer ins Gesicht und schlägt dann vor, doch noch ein Stück in Richtung Wald zu gehen. Damit ihn niemand sieht beim Interview. Die Menschen im Dorf reden nicht gerne über «El Kif», wie sie die Cannabis-Pflanze nennen. «Es ist ja nicht so, dass wir Pflaumen produzieren», sagt Younes und lacht verlegen. Anbau, Verarbeitung, Transport, Verkauf: Die gesamte Handelskette von «El Kif» ist illegal, daheim in Marokko und im weit entfernten Europa. Deswegen möchte Younes, wie auch sein Cousin Ali, seinen richtigen Namen lieber nicht geschrieben sehen.

Das Risiko lohnt sich. 3000 Euro verdient Younes im Jahr. Andere machen bis zu 70' 000. Die Menschen im Rif-Gebirge sichern sich so Wohlstand in einer Region, die lange Zeit von Armut geprägt war: «Früher haben die Menschen hier Weizen angebaut. Aber davon konnten sie nicht leben. Heute leben wir hier quasi wie in der Stadt.» Mehrstöckige Steinhäuser kleben an den Hängen, es gibt Strom, Handys und fast jeder im Dorf hat ein Auto.

Das Wasser wird knapp

Eine Cannabis-Kultur in Marokko.

Bildlegende: Monokulturen bestimmen die Landschaft. Außer Cannabis wird kaum noch etwas angebaut. Elisabeth Lehmann

Wie lange dieses Geschäftsmodell noch aufgeht, ist eine Frage, die alle im Dorf umtreibt. «Es gibt zu wenig Wasser. Mehrere Familien teilen sich eine Quelle. Es gibt feste Zeiten, wer das Wasser wie lange nutzen darf», erzählt Younes und ergänzt gleich, dass es deswegen immer zu Streit zwischen den Nachbarn komme. Ausserdem seien viele Böden schon vollkommen ausgetrocknet, ganze Sümpfe zu steinharten Brachflächen verkommen. Nur noch vereinzelt sieht man ein paar Feigenbäume an den Hängen. Dazwischen erstrecken sich grossflächige Cannabis-Felder, Monokulturen, die den Boden auslaugen.

Manchmal denke er schon darüber nach, was er mit seinem Leben mache, wenn es mal kein El Kif mehr gibt. «Dann muss ich vielleicht doch einen Beruf lernen.» Aber bis dahin verfolgt Younes einen ganz anderen Plan. «Ich will schnell viel Geld verdienen, um dann ein ruhiges Leben zu haben.» Und ein Auto, so wie alle im Dorf. Und dieser Plan lässt sich nun einmal nur mit El Kif verwirklichen.

Welt im Wandel

Die Arme-Leute-Frucht Brasiliens, die zur Trendfrucht wird, das römische Traditionsviertel, das sich zu Chinatown wandelt und verstummende Kindergeräusche in Japan: Die Welt verändert sich. Das zeigt sich oft in kleinen und alltäglichen Dingen.

Die Korrespondenten-Geschichten aus aller Welt vom 5.1. an auf Radio SRF 2 Kultur täglich um 16:45 Uhr.