In Rom wird ein kleines Peking immer grösser

Pizza, Pasta und Gelato: Wer im Esquilinoviertel in Rom italienische Klischees erwartet, wird enttäuscht. Denn immer mehr Chinesen bewohnen das einst gutbürgerliche Viertel. Eine Bereicherung, finden einige. Eine Gefahr, finden andere. Und ein Orchester versucht, ethnische Vorurteile abzubauen.

Ein Tor mit chinesischen Schriftzeichen im römischen Esquilino-Viertel.

Bildlegende: Der chinesische Einfluss ist nicht zu übersehen. Thomas Migge

Historische Altstädte mit malerischen Gebäuden, freundlich lächelnde Pizzabäcker, Kellner, Eismacher, und bildschöne Signorine, die auf Mopeds über Piazzen fahren. Beim Stichwort Italien kommen einem gleich massenweise ganz bestimmte Bilder in den Sinn.

Dass Italien in immer mehr Städten von immer mehr Nichtitalienern, also zugezogenen Ausländern und Einwanderern, bewohnt wird, scheint nicht in das rosarote Bild zu passen, dass sich Italienliebhaber von ihrem Traumland machen. Und doch verändern sich, wie erst jüngst das in Rom ansässige Sozialforschungsinstitut CENSIS zeigte, viele Wohnviertel ethnisch stark. Wie zum Beispiel das Esquilinoviertel in Rom beim Hauptbahnhof.

Ein gutbürgerliches Viertel verändert sich

Das Ende des 19. Jahrhunderts als gutbürgerliches Viertel errichtete Esquilino, mit eleganten Mehrfamilienhäusern und der zentralen und einst gepflegten Piazza Vittorio, wird heute zunehmend von legal und illegal eingewanderten Chinesen bewohnt.

Gebürtige Römer ziehen woanders hin, italienische Geschäfte schliessen oder werden von Chinesen übernommen. Und obwohl es ein Stadtgesetz gibt, wonach Firmenschilder auf italienisch verfasst sein müssen, sieht man überall nur chinesische Schriftzeichen.

Ungehörter und gewaltsamer Protest

Protestanten halten einen Banner gegen die Chinesen hoch.

Bildlegende: Neofaschisten an einer Demo gegen die chinesischen Einwanderer. Thomas Migge

Immer mehr der verbliebenen italienischsprachigen Bürger protestieren gegen diese – wie sie sagen – «Überfremdung». Sie fordern von der Stadtverwaltung, dass sie etwas dagegen unternimmt. Doch Roms Bürgermeister scheint der Fall Esquilino nicht zu interessieren.

«Interesse» hingegen zeigen neofaschistische Gruppierungen. Wie die so genannte «Gruppo Pound», eine Organisation junger Neofaschisten, die im Esquilino-Viertel ein Haus besetzt. Die Mitglieder dieser Organisation sind wahrscheinlich, so die ermittelnde Polizei, für gewaltsame Übergriffe auf Chinesen im Viertel verantwortlich.

Eine gesamtitalienische Tendenz

Nicht nur im Klein-Peking genannten römischen Viertel Esquilino sind Chinesen auf dem Vormarsch. In der toskanischen Kleinstadt Prato bei Florenz ist ihre Präsenz besonders stark. Geschätzte 20 Prozent der Bürger besteht inzwischen aus Chinesen.

Prato ist seit Jahrhunderten als textilverarbeitende Stadt bekannt. Dieser Wirtschaftszweig wird zunehmend von Chinesen dominiert. Polizeilichen Ermittlungen zufolge arbeiten in den von Chinesen geführten Unternehmen illegale Einwanderer zu Niedrigstlöhnen und spielen so jede Konkurrenz an die Wand. Aufgrund der zum Teil menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen kam es in einer improvisierten Fabrik vor einigen Monaten zu einem Grossbrand. Rund zehn Chinesen starben.

Es wird nicht nur geschwiegen

Die Chinesen in Prato und im römischen Stadtviertel Esquilino suchen so gut wie keine Kontakte mit Italienern. Und die Italiener, die in von Chinesen dominierten Vierteln leben, halten sich zurück und erklären das mit ihrer Furcht gegenüber der ethnischen Mehrheit der Ausländer. Einzig neofaschistische Gruppierungen protestieren lautstark gegen die, wie sie sagen, «unerwünschten Fremden».

2002 entstand im Esquilino das «Orchestra di Piazza Vittorio», mit Musikern aus rund 20 Nationen, die alle im Viertel leben. Ein Multikulti-Orchester, das eine in ganz Rom ziemlich erfolgreich geworden ist. Doch dieses Orchester hat weitaus mehr Erfolg ausserhalb des Esquilino. Im Viertel, wo es entstanden ist, mit dem Ziel, ethnische Vorurteile abzubauen, hat es nur wenig Zuhörer. Vor allem sind das die wenigen verbliebenen Römer. Die chinesischen Zuwanderer interessieren sich nicht für die Konzerte des Vielvölkerorchesters.

Welt im Wandel

Die Arme-Leute-Frucht Brasiliens, die zur Trendfrucht wird, das römische Traditionsviertel, das sich zu Chinatown wandelt und verstummende Kindergeräusche in Japan: Die Welt verändert sich. Das zeigt sich oft in kleinen und alltäglichen Dingen.

Die Korrespondenten-Geschichten aus aller Welt vom 5.1. an auf Radio SRF 2 Kultur täglich um 16:45 Uhr.