Stiftung gegen Minen Welt ohne Minen: der Kampf zweier Zürcher Schwestern

Noch immer töten Minen tausende Menschen. Ein Zustand, den es zu ändern gilt, sagen sich zwei Schwestern. Sie gründen eine Stiftung und kämpfen erfolgreich gegen Minen und Streubomben.

Ein Arbeiter im Schutzanzug sucht eine karge Landschaft nach Minen ab.

Bildlegende: Noch immer töten Minen in Afghanistan Zivilisten: Ein UNO-Arbeiter sucht das Feld nach Sprengkörpern ab. Keystone

  • Vor rund 20 Jahren gründete die Psychologin Claudine Bolay Zgraggen mit ihrer Schwester, der Ethnologin Monique, die Stiftung «Welt ohne Minen».
  • Die Stiftung ist gut vernetzt: mit Minenspezialisten der Schweizer Armee und verschiedenen Akteuren vor Ort.
  • Bisher sind acht Millionen Quadratmeter Land durch «Welt ohne Minen» von Minen befreit worden. Das sind 1150 Fussballfelder.

«Keine 1200 Kilometer von uns entfernt, in Bosnien-Herzegowina, können Menschen nicht in den Wald gehen, um zum Beispiel Brennholz zu suchen. Denn der ganze Wald ist voller Minen. Nur ein schmaler Pfad ist risikolos zu betreten. Du musst dauernd auf der Hut sein. Was für ein Druck lastet da auf den bosnischen Bewohnern!»

Wir sind mitten im Gespräch. Die 69-jährige Psychologin Claudine Bolay hat 3sat online in ihrer Praxis empfangen. Reserviert, zurückhaltend ist sie erst, die dezent gekleidete Zürcherin. Sie ist keine Frau des pompösen Auftritts. Sobald es in unserem Gespräch aber um Minen und ihre tödliche Auswirkung geht, funkeln die Augen. «Wir sind als Stiftung klein geblieben, aber so haben wir immer den Überblick, wo was genau gemacht wird.»

Grundlage, wieder anzupflanzen

Anfang 1997, nach dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien, rütteln Medienberichte über die verheerenden Minenfelder die ganze Welt auf. Lady Di lässt sich auf einem Minenfeld in Schutzkleidung filmen.

Ein Porträt von Claudine Bolay Zgraggen.

Bildlegende: Die Gründerin von «Welt ohne Minen»: Claudine Bolay Zgraggen. vorburger

Claudine Bolay liest von 80 mit Millionen von Minen kontaminierten Staaten. Sie ist entsetzt. Vor allem über die Tatsache, dass «damals praktisch nur Opfern geholfen wurde. Nur ganz wenige Organisationen kümmerten sich ums Auffinden und Entfernen der Tret- und Landminen. Dabei wäre gerade das Entminen Grundlage dafür, dass die Bevölkerung ihre Felder wieder bepflanzen kann.»

Mit Tatendrang an die Arbeit

Die einen reden, Claudine Bolay und ihre Schwester Monique – eine studierte Ethnologin – handeln. Sie gehen Experten auf dem Gebiet der zivilen Minenräumung an, knüpfen Kontakte zu ehemaligen Berufsmilitärs, die in der Entminung tätig sind. Die beiden Schwestern gründen kurzerhand eine Stiftung und widmen sich fortan den vergessenen vermimten Gebieten.

«Es hat mich total gepackt. Ich trommelte Freunde zusammen. Wir erkundigten uns, was es alles zur Gründung einer Stiftung braucht. Mit meinen Freunden brachten wir die dazu nötigen 50´000 Franken zusammen. Wir suchten Gönner und begannen, mit Deutschen zusammen zu entminen.»

Wie muss man sich das vorstellen? Claudine und Monique auf den verminten Feldern? «Nein, da gibt es ganz strenge Vorgaben: Die UNO hat klare Standards dazu entwickelt, wie man entminen muss und wann Land wieder freigegeben werden kann.»

Soziales Engagement, Psychologie-Studium

Aufgewachsen in einem weltoffenen Mathematiker-Haushalt studiert Claudine Bolay erst Vermessungstechnik. «Das war es aber nicht. Ich wollte für Menschen da sein». Sie studiert Psychologie, amtet daneben in einer Stiftung für Mütterhilfe, engagiert sich im Sozialwesen ihres Dorfes. Und kriegt zwei Kinder.

Das geht, alles gleichzeitig. «Ich wäre eine schlechte Mutter gewesen, wenn ich bloss zu Hause geblieben wäre.» So ganz abwegig ist es also nicht, dass Claudine Bolay gleich eine Stiftung auf die Beine stellt.

Ein Mann im Schutzanzug sucht Minen auf einem Feld in Bosnien.

Bildlegende: Katastrophenschutz in Bosnien: Auf der Suche nach Minen in Manjača, rund 40 Kinometer südlich von Banja Luka. Keystone

Wenn man nicht mal Holz holen kann im Wald

An die grosse Glocke gehängt hat Claudine Bolay Zgraggen ihre Stiftung nie. Dazu sei sie «zu schweizerisch». Nichtsdestotrotz sind es heute private 18´000 Spender, seit Jahren die gleichen, sowie institutionelle Geldgeber, die die Stiftung tragen. So kommt gut eine Million Franken zusammen. Und weil sämtliche 7 Stiftungsräte ehrenamtlich fungieren, kann das meiste direkt in Projekte gesteckt werden.

Projekte ganz in unserer Nähe. Bosnien zum Beispiel ist voller Minen! «Für uns Schweizer unvorstellbar: Du bräuchtest Holz zum heizen, kannst aber nicht in den Wald rein. Nur ein schmaler Weg ist ausgesteckt und risikolos. Oder in die Pilze gehen? Unmöglich.» Bosnische Rückkehrer haben in vielen Gebieten gar keine Möglichkeit, ihre Felder zu bestellen.

Rund zwei Prozent des gesamten Landgebietes sind kontaminiert. So ist ein Aufbau erst gar nicht möglich. «Wir hatten das Glück, eine Rückkehrerin aus der Schweiz zu kennen, die vor Ort sofort aktiv wurde.» Die Bosnierin arbeitet heute für die Stiftung, als einzige Mitarbeiterin im Ausland.

Ein Arbeiter im blauen Schutzanzug entschärft eine Mine.

Bildlegende: «Bosnien ist immer noch voller Minen!», sagt Claudine Bolay Zgraggen. Hier entfernt ein Arbeiter eine Mine aus dem Feld. Keystone

«Ein Schlenker und du bist tot»

Claudines Schwester Monique, die Ethnologin, begibt sich oft vor Ort. Sie amtet als Projektleiterin. Claudine bekleidet das Amt der Stiftungsrats-Präsidentin und ist weniger auf Achse. «In Bosnien war ich. Und in Laos. Das vergesse ich nie: Wir fuhren auf einem schmalen Pfad, dem Ho-Chi-Minh-Pfad Richtung Vietnam. Die Amerikaner hatten im Vietnamkrieg diesen Weg alle 8 Minuten bombardiert. Du weisst: nur ein Schlenker links oder rechts und du bist tot. Grauenhaft.»

Demokratische Republik Kongo, Zimbabwe, Bergkarabach, Südsudan: Hier überall unterstützt «Welt ohne Minen» kleinere, überschaubare Projekte. Claudine Bolay: «Was genauso wichtig wie das Entminen ist, ist die Aufklärungsarbeit, vor allem mit Kindern. Wie sonst sollen sie wissen, wie ein Mine aussieht, wo man weshalb aufpassen soll.» In Afrika geschieht das mittels Filmen, Theatern, in Laos mit Hilfe von Puppenspielen. «Und in Bosnien geht unsere Mitarbeiterin in Schulen. Aber: Das ist eine never ending Story.»

Überschaubare Unterstützung

So ganz alleine könnte die Stiftung nicht agieren. Sie vernetzt sich mit Minenspezialisten der Schweizer Armee und anderen Akteuren vor Ort. Jährlich nimmt man an der internationalen Konferenz zur humanitären Minenräumung in Genf teil. So wird klar, wo ein Einsatz am sinnvollsten wäre. «Wir sind eine super Gemeinschaft von engagierten Leuten. Und da wir vornehmlich an vergessene Orte gehen – da hin, wo die Grossen nicht hingehen – gibt es auch keine Konkurrenz.»

Eine Minenexplosion auf einer kargen Landschaft.

Bildlegende: Tret- und Landminen haben einen einzigen Zweck: Menschen zu verstümmeln oder zu töten. 8 Kilo Auslösedruck genügen, u... Keystone

Wird Claudine Bolay Zgraggen ein Einsatzort empfohlen, wird genaustens abgeklärt, ob ein Engagement die bestmöglichste Wirkung für die Leute vor Ort zeigt. Ist alles OK, arbeitet «Welt ohne Minen» so, dass es überschaubar bleibt: Sei es durch Unterstützung einzelner Entminungsteam von Partnerorgansisation; sei es durch klare Identifizierung von Minenfeldern, die dann qualifizierte Spezialisten von Minen befreien.

«Dann wird uns klar und deutlich abgerechnet: so und so viele Minen wurden auf so und so vielen Quadratmetern entdeckt, entschärft und entsorgt».

Immer neuere heimtückische Minen

Auch nach 20 Jahren kann sich Claudine Bolay Zgraggen noch entrüsten: «In Aleppo hat man angefangen, Minen oder Minibomben unter die Trümmer zu legen. Selbstgebastelte, aussehend wie eine Getränkebüchse, verkauft für zwei Franken. Besonders hinterlistig daran: Die lösen die per Handy aus. Furchtbar!»

Die Stiftungsgründerin ereifert sich, weiss von heimtückischen, fast unsichtbaren neuen Minen im Irak mit ungeheurer Sprengkraft. Es gibt so viel zu tun. Die Opferzahlen steigen seit neustem wieder an. Gleichzeitig steht wieder weniger Geld zur Entminung zur Verfügung. Und längst haben noch nicht alle Staaten die Minen-Herstellung und -Verwendung geächtet. Im Gegenteil, diese sog. «Ottawa-Konvention» haben weder die USA noch Indien noch Russland bisher ratifiziert.

Ein Mann im grünen Schutzanzug entschärft eine Mine in Bosnien.

Bildlegende: Ein norwegischer Spezialist an der Arbeit: In der Nähe von Sarajevo entschärft er eine Mine. Keystone

Pensionierung? Noch lange nicht!

Eine Sisiphus-Arbeit also? «Ja, schon. Aber mich motiviert jedes Feld, jede Fläche, die wieder urbar gemacht werden kann. Es ist wunderbar, die Freude und Dankbarkeit der Menschen erleben zu können.»

Und immer wieder gibt es neue Pläne: «Welt ohne Minen» unterstützt ein innovatives Schweizer Projekt mit Suchhunden. Mit Kamera und GPS-Weste werden Hunde freilaufend auf Minenfeldern eingesetzt. Dadurch kann die Entminung gezielter und effizienter realisiert werden. Die Testphase in Kambodscha ist eben abgeschlossen. «Welt ohne Minen» hat die ersten 20 solcher Sets finanziert.

Claudine Bolay freut's. Von Pensionierung ist keine Rede, auch wenn die Schwester sich eben erst aus der Stiftung zurückgezogen hat. Acht Millionen Quadratmeter Land sind durch «Welt ohne Minen» von Minen befreit worden. Das sind 1150 Fussballfelder. 20 Jahre volles Herzblut. Bei Claudine werden es noch ein paar Jahre mehr werden.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei 3sat.de.

Stiftung «Welt ohne Minen»

Unterstützung und Förderung der Humanitären Minenräumung in der Schweiz und im Ausland. Humanitäre Minenräumung beinhaltet Aktivitäten, deren Ziel es ist, die sozialen, wirtschaft­lichen und ökologischen Auswirkungen von Personenminen und explosiven Kriegsmunitionsrückständen zu lindern und die Sicherheit der betroffenen Bevölkerung zu erhöhen.