«Künstler erkannten als einzige, worum es in der Revolution ging»

Im arabischen Frühling in Ägypten explodierten nicht nur Molotow-Cocktails, sondern auch die Ideen junger Künstler. Mit Graffitis zeichneten sie ihre eigenen Bilder der Revolution und eine visionäre Gegenwelt zu religiöser Intoleranz. Filmemacher Marco Wilms begleitete sie, mit Kamera und Gasmaske.

Ein grosser Graffiti auf einer Wand zeigt eine verschleierte ältere Frau. Davor stehen zwei junge Männer.

Bildlegende: Der Künstler Ammar Abo Bakr (r.) vor einem seiner Graffitis, das die Mutter eines getöteten Demonstranten zeigt. Heldenfilm

Marco Wilms, Kunst als politische Botschaft ist nicht neu. Im Film «Art War» aber zeigen Sie, wie junge ägyptische Künstler nach dem arabischen Frühling bis zum Sturz des Präsidenten Mursi die Kunst als völlig neue Waffe für die Revolution einsetzen. Wie konkret wurde die Kunst zur Waffe?

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Making of von «Art War»

6:34 min, vom 31.5.2015

So habe ich Kunst noch nie erlebt: Die Künstler gingen raus aus ihrem Atelier auf die Strasse und haben Graffitis genau da gemacht, wo gekämpft wurde, wo Menschen ermordet wurden. Es ging ihnen nicht nur um Kunst, sondern genauso um Aufklärung. Sie wollten den Menschen, die keinen Zugang zu unabhängigen Medien haben, zeigen, was tatsächlich gerade passiert.

Im Film wird gesagt, dass die Wände zu einer «Zeitung der Revolution» wurden. Warum fand diese Zeitung so viel Beachtung, obwohl ihre Auflage nur aus einem einzigen Exemplar bestand?

In Deutschland oder in der Schweiz gehen die Menschen an einem Graffiti vorbei und sagen: «Ganz hübsch, diese grosse Fassade». Aber sie beschäftigen sich nicht damit. In Ägypten hingegen sind die Leute stehen geblieben und haben angefangen zu diskutieren, auch mit den Künstlern selber. Die haben sich im Gegensatz zu den Streetart-Künstlern bei uns auch nie versteckt. Sie fanden, das sei ihre Meinung und dazu stünden sie. Auch im Film waren sie von Anfang an bereit, ihr Gesicht zu zeigen.

Wie kam es, dass innert Kürze nicht nur einzelne Passanten, sondern die ganze Welt die Graffitis sahen?

Die Künstler haben ihre Protestkunst sehr schnell weiterentwickelt, wie man im Film sieht: Am Anfang sprayt der Künstler Ammar ein kleines Graffiti mit einer gestanzten Schablone, am Schluss bemalen sie eine komplette Strasse haushoch.

Ausserdem haben sie sehr schnell begriffen, wie Medien ihre Kunst duplizieren – wovon ich auch ein Teil bin. Die Künstler wussten, dass die vom Staat kontrollierten Medien in Ägypten sie komplett ignorieren. So haben sie bewusst alternative Wege gesucht für ihre Botschaft. Viele Passanten, Touristen und Journalisten haben Fotos gemacht, die sich dann über die ganze Welt verbreitet haben, mit riesigem Anklang: Ein damals gegründeter Youtube-Kanal war 2012 der erfolgreichste weltweit.

Auf einer Wand sind vier Köpfe mit schweren Verletzungen zu sehen.

Bildlegende: Das wirkliche Gesicht der Revolution: Die Gesichter von getöteten Demonstranten. Heldenfilm

Warum stiess die Botschaft der Künstler auf so viel Resonanz?

Sie haben als einzige das wirkliche Bild der Revolution gezeigt. In ihrer auch künstlerisch interessanten Streetart zeigten sich alle Schichten der Revolution: die historische, die religiöse, die persönliche, die internationale, die narrative – da ist alles drin.

Während alle von den ersten freien Wahlen sprachen, haben die Künstler diese boykottiert und angefangen, die getöteten Jugendlichen zu malen. Sie wollten zeigen, dass vor einem Neuanfang zuerst diese Verbrechen abgearbeitet werden müssen. Auch ich bin zu den Wahlen gegangen, habe da gedreht und dann gemerkt, dass ich wie alle anderen in die falsche Richtung schaue. Den Künstlern war als erste instinktiv klar, worum es eigentlich geht in dieser Revolution.

Die jungen Künstler kritisieren nicht nur das autoritäre Regime, sondern explizit auch die sexuelle Unterdrückung von Frauen.

Ja, Ammar, einer der Protagonisten im Film, bezieht sich auf Aliaa Elmahdy. Diese hat in einer radikalen Protestaktion ein kunstvoll gemachtes Nacktbild von sich ins Internet gestellt, darunter schrieb sie: «Mein Körper gehört mir. Ich bin kein Jungfernhäutchen.» 4 Millionen Menschen haben den Beitrag angeklickt, sie bekam Todesdrohungen und musste fliehen. Ammar vergleicht sie in einem Graffiti mit Samira Ibrahim, die nach einer Demonstration von Soldaten auf ihre Jungfräulichkeit untersucht wurde. Er wollte zeigen, dass es in beiden Fällen um die sexuelle Unterdrückung der Frauen geht. Darum, dass in der islamischen Moral Frauen von klein auf als minderwertig gelten und gemassregelt werden.

Was für religiöse oder kulturelle Werte setzen die Künstler der konservativ-islamischen Moral entgegen?

In der langen Version des Films (die SRF am Sonntagabend um 23.25 Uhr ausstrahlt, Anm. d. Red.) malt einer der Protagonisten ein Boot, ein Symbol der Pharaonen, auf dem steht: Es gibt so viele Wege zu Gott, wie Seelen auf der Erde. Das ist ein Affront gegen Islamisten, die nur einen Weg sehen. Er malt es auf einem Festival der Sufis, einer spirituellen Strömung des Islams. Und tatsächlich passierte auf dem Tahrirplatz etwas Ähnliches wie auf einem Sufifestival: Alle kulturellen Elemente Ägyptens vermischten sich, die islamischen, die koptischen, die pharaonischen, was für Sufis überhaupt kein Problem ist. Das ist ein sehr visionärer Gegenentwurf.

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Trailer von «Art War»

1:37 min, vom 31.5.2015

Wie ist die Situation für die Künstler seit dem Film, also seit dem Sturz von Mohammed Mursi?

Als ich gedreht habe, waren die Künstler schnell so populär, dass man sich nicht mehr getraute sie anzufassen. Nun weht ein komplett anderer Wind, die Künstler werden gezielt attackiert: Ganzeer, ein anderer Protagonist im Film, wurde im Fernsehen mit Foto als Terrorist gebrandmarkt und musste fliehen. Auch Ammar hat kürzlich nach langer Zeit wieder ein Graffiti gemacht, wurde verhaftet und vier Stunden lang verhört. Die Graffitis werden systematisch zerstört, Von denen im Film existiert unterdessen keines mehr.

Blicken Sie mit Hoffnung oder Sorge in die Zukunft?

Auch wenn die Situation im Moment sehr düster aussieht, glaube ich, dass sich etwas verändern wird. Um Imanuel Kant zu zitieren: «Egal, ob eine Revolution scheitert oder erfolgreich ist: Das Bewusstsein eines Volkes, das einmal einen Diktator gestürzt hat, geht nicht verloren.» Zumindest nicht für diese Generation.

Der arabische Frühling

Die in Tunesien beginnende Protestwelle führte in Ägypten im Februar 2011 zum Sturz des jahrzehntelangen Machthabers Hosni Mubarak. Im Juni 2012 wurde der zur Muslimbrüderschaft gehörende Mohammed Mursi gewählt. Im Juli 2013 wurde Mursi nach tagelangen Massenprotesten abgesetzt, seit Mai 2014 regiert der ehemalige Militärchef Abdelfatah al-Sisi.

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