Sind Islam und Homosexualität vereinbar?

Im Koran steht nichts über Homosexualität als sexuelle Neigung, verurteilt werden nur homosexuelle Handlungen. Es bleibt also Platz für Interpretation.

Ein Koran und ein Regenbogen.

Bildlegende: Die Stellen zu homosexuellen Handlungen im Koran lassen viel Interpretationsspielraum. Getty Images/Rich Joseph Facun/Bildmontage

Wenn muslimische Theologen sich gegen die Homosexualität äussern, dann beziehen sie sich auf die Geschichte des Propheten Lot. Diese Erzählung findet sich an mehreren Stellen im Koran, aber auch im Alten Testament – mit einigen kleinen Unterschieden.

Die Hauptaussage ist überall die gleiche: Lot lebte im Ort Sodom, er warnte die lokale Bevölkerung vor ihrem Verhalten. Denn sie gaben sich laut der Geschichte allerlei Perversionen hin. Dabei werden homosexuelle Akte erwähnt – aber auch Gewalt oder Aggression. Deswegen vernichtet Gott die Sodomiter, während Lot verschont wird.

Homosexualität als Perversion

Die Homosexualität als sexuelle Neigung wird nicht erwähnt, nur homosexuelle Handlungen werden verurteilt. Aber auch das lässt Interpretationsspielraum.

So argumentieren einige Koranwissenschaftler, dass hier eine Vielzahl von «Perversionen» verurteilt werde. Die homosexuellen Handlungen seien zwar Teil davon, man dürfe sie aber nicht überbewerten. Zudem seien die homosexuellen Handlungen auch eine Form der Gewalt gewesen und deshalb nicht erlaubt.

«Wenn sich zeitgenössische muslimische Theologen gegen die Homosexualität äussern, dann beziehen sie sich immer auf diese Koranstellen», bemerkt Serena Tolino. Die Islamwissenschaftlerin hat das Verhältnis von Islam und Homosexualität studiert. Dabei untersuchte sie nicht nur diese Koranstellen, sondern auch entsprechende Hadithen, überlieferte Aussagen oder Handlungen des islamischen Propheten Mohammed. Dort ist die Position etwas klarer.

Frauen und Männer werden anders behandelt

Zwar wird auch dort die Homosexualität als sexuelle Identität nicht behandelt. Aber gemäss einer Hadithe soll das Verhalten wie in Sodom mit dem Tod bestraft werden. Andere bezeichnen homosexuelle Akte von Männern und Frauen als Ehebruch. Das wird in islamischen Quellen verurteilt. Interessant dabei: «Während muslimische Theologen in ihrer Auslegung den Geschlechtsverkehr zwischen Männern als Ehebruch verurteilen, erwähnen sie den Geschlechtsverkehr zwischen Frauen nicht. Obwohl es in den Hadithen stehen würde.»

Auch dieses Beispiel zeigt: Die Quellen alleine sagen wenig aus, erst die Interpretation der Menschen prägt das Verhältnis von Islam und Homosexualität. Bei der Interpretation sind sich natürlich längst nicht alle einig. So verurteilen einige nur die homosexuellen Handlungen, wenn sich jemand zu gleichgeschlechtlichen Partnern hingezogen fühle, dies aber nicht auslebe, sei das kein Problem. Andere lehnen nur schon solche Gedanken ab.

Es führt kein Weg um die Homosexualität herum

Hinzu kommt, viele Theologen zeigen sich im persönlichen Umgang mit Homosexuellen offener als in offiziellen Äusserungen. Manche Theologen zeigten bei Treffen durchaus Verständnis für Homosexuelle, während sie in Fatwas die Homosexualität strikt ablehnten.

Sie werden sich in Zukunft auch öfter mit der Homosexualität auseinandersetzen müssen, glaubt Serena Tolino. Denn gerade in Europa gibt es immer mehr Organisationen von homosexuellen Muslimen und Musliminnen. Sie sehen keinen Widerspruch darin, homosexuell und muslimisch zu sein.

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