Wenn ein Marshmallow unser Schicksal vorhersagt

Wer verzichten kann, ist zufriedener: Das zeigt der Psychologe Walter Mischel – mit einem Marshmallow. Denen, die nicht widerstehen können, rät er: Willenskraft lässt sich trainieren!

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Der Marshmallow-Test – Durch Willenskraft zum Glück?

58 min, aus Sternstunde Philosophie vom 22.3.2015

In den 1960er-Jahren hat der US-amerikanische Psychologe Walter Mischel den inzwischen berühmten Marshmallow-Test erfunden: Er setzte Kindern ein Marshmallow vor, mit einem Versprechen: Sie würden ein zweites bekommen, wenn sie das erste nicht gleich essen, sondern ein Weilchen warten. Die Kinder mussten also der Versuchung widerstehen, die direkt vor ihren Augen lag. Verzicht und Willenskraft waren gefragt. Nicht allen Kindern fiel das leicht.

Ist das Marshmallow unser Schicksal?

Ursprünglich wollte Mischel nur die Selbstkontrolle von Kindern testen. Erst Jahre später hat sich die verblüffende Aussagekraft des Marshmallow-Tests gezeigt. Mischel und sein Team haben nämlich die Lebensgeschichte der Versuchskinder weiterverfolgt und dabei Erstaunliches herausgefunden.

Wer damals als Kind der süssen Versuchung widerstehen konnte, hatte später ein erfolgreicheres und zufriedeneres Leben. Diese Personen konnten besser vorausplanen, besser mit Frustrationen umgehen, hatten stabilere Beziehungen, waren selbstbewusster, schnitten bei Intelligenztests besser ab und neigten weniger zu Suchtverhalten. So die Tendenz.

Lernen, der Versuchung zu widerstehen

Ist der so unscheinbar anmutende Marshmallow-Test also ein Orakel für unseren Erfolg und unser Lebensglück? Und ist unser Schicksal schon mit der Geburt festgelegt? Nein, meint Mischel. Gene spielten zwar eine Rolle, aber auch die Erziehung, das Umfeld und die Erfahrungen, die wir täglich machen.

Selbstkontrolle sei nämlich lernbar. Mischel nennt in seinem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch «Der Marshmallow-Test» einige Strategien, die uns helfen, unsere Willensschwäche zu besiegen oder zumindest zu kaschieren.

Selbstvertrauen und Optimismus seien zentral, meint der 1938 von Wien in die USA emigrierte Mischel. Wer glaubt «Ich schaffe das!», der hat grössere Chancen, es auch wirklich zu schaffen. Und wenn die Versuchung zu stark wird, könne Ablenkung helfen. Das wussten bereits die Kinder, die sich vom Marshmallow abwendeten, das direkt vor ihnen auf dem Teller lag – ganz nach dem Motto: «Aus den Augen, aus dem Sinn.»

Kennen wir unsere Marshmallows?

Und Mischel gibt uns noch einen weiteren Tipp: Wir sollten unbedingt Stress vermeiden. Denn unter Stress verlieren wir die Selbstkontrolle, handeln unüberlegt und entscheiden kurzsichtig. Diesen Vorsatz sollten wir uns alle, sowohl die Willensstarken als auch die Willensschwachen, vermehrt zu Herzen nehmen.

Denn in der heutigen Zeit des Dauerstresses und Dauerkonsums lauern die Versuchungen überall. Darum sollten wir uns fragen: Kennen wir unsere Marshmallows? Und welche Strategien wenden wir an, um den diversen Versuchungen zu widerstehen?

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Walter Mischel ist Gast in der Sendung Sternstunde Philosophie vom 22. März. Er erklärt, warum wir im Leben glücklicher und erfolgreicher werden, wenn wir warten können. Der Stanford-Psychologe verrät dabei auch, warum er trotz seiner bahnbrechenden Erkenntnisse selbst so spät mit dem Rauchen aufgehört hat.

Buchhinweis

Walter Mischel: «Der Marshmallow-Test. Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit». Siedler, 2015.