Wenn Kinder ausbrennen

Zusammenbrechen im Willen gut, besser, am besten zu sein: Das Burn-out ist bei Kindern und Jugendlichen angekommen. Michael Schulte-Markwort gibt in seinem Buch Einblick in das Phänomen, an dem er selber lange zweifelte. Es kann nicht mit dem Label «Modediagnose» abgetan werden.

Ein Mädchen, mit verschränkten Armen auf Büchern sitzend und schlafend.

Bildlegende: Junge Mädchen sind stärker gefährdet als Knaben, an einer Erschöpfungsdepression zu erkranken. Imago

Warum haben Sie ein Buch über Burn-out-Kinder geschrieben?

Michael Schulte-Markwort: Seit 5 Jahren sehe ich immer mehr Kinder, die erschöpft sind. Zuerst dachte ich, es handle sich um Kinder, die besonders empfindlich und sensibel sind. Im Laufe der Zeit habe ich aber gemerkt, dass diese Kinder ganz normalen Anforderungen unserer Gesellschaft ausgesetzt sind und die Anforderungen einfach zu hoch sind. Ich habe mich aufgerufen gefühlt, diesen Kindern eine Stimme zu geben.

Sie schreiben, dass Mädchen gefährdeter sind als Jungen. Warum?

Mädchen sind insgesamt leistungsorientierter als Jungen, Mädchen machen das bessere Abitur. Mädchen sind oft disziplinierter, sind eher bereit sich anzustrengen. Sie sind perfektionistischer und deswegen auch anfälliger gegenüber Erschöpfungssyndromen.

Man könnte meinen, Burn-out-Kinder sind alles mittelständische, wohlbehütete Kinder erfolgreicher Eltern. Sind auch andere Kinder betroffen?

Ich sehe erschöpfte Kinder aus allen sozialen Schichten. Aber es ist schon so, dass Kinder aus unbelasteten Verhältnissen gefährdeter sind. Bei den anderen Kindern liegen die Gründe öfter bei familiären Konflikten. Es ist schwer zu trennen, wie viel aus der Belastung durch familiäre Konflikte resultiert und wie viel aus dem hohen Anforderungsniveau. Das wird eine grosse akademische Diskussion sein: Darf man ein Burn-out nur dann diagnostizieren, wenn es sich um Anforderungen von aussen handelt; oder auch, wenn es sich um familiäre Konflikte und Belastungen handelt.

Was gehört zu den Symptomen eines Burn-outs?

Es beginnt bei den Schülern und Jugendlichen häufig mit einem Leistungsnick. Sie können sich nicht mehr so gut konzentrieren, ihr Antrieb ist gemindert. Sie selber sagen dann relativ schnell, dass sie abends müde und erschöpft sind. Zusätzlich können Schlafstörungen auftreten, der Appetit kann sich verschlechtern. Und dann kommt es relativ bald zu einem Abfall der Stimmung, zu schlechter Stimmung oder extremen Stimmungsschwankungen. Das kann sich dann immer mehr steigern bis zum Vollbild einer Erschöpfungsdepression.

Was Sie beschreiben, ist ja auch eine Depression. Und kindliche Depression ist schon seit langem ein Thema. Wie unterscheidet sich diese Erschöpfungsdepression von der anderen Depression?

Vom Phänomen her ist es zunächst überhaupt nicht zu unterscheiden, weil es dieselben Symptome sind. Um zu differenzieren, muss man eine sorgfältige Familiendiagnostik machen. So kann man feststellen, ob es sich um eine reaktive Depression im Sinne von belastenden Faktoren innerhalb der Familie handelt. Oder ob es tatsächlich eine weitgehend gesunde Familie ist, die das Kind auch nicht übermässig unter Druck setzt. In diesem Fall hängt die Depression mit dem Anforderungsprofil von aussen zusammen.

Zur Person

Zur Person

Nina Grützmacher

Michael Schulte-Markwort ist Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Hamburg. Seit 2004 ist er Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) und dem Altonaer Kinderkrankenhaus.

Buchhinweis

Michael Schulte-Markwort: «Burnout-Kids – Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert», Pattloch, 2015.

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