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Gesellschaft & Religion Wer bauernschlau sein will, muss heutzutage Unternehmer sein

Solarstrom und Sauna statt Schweinemast und Sellerie: Um auch in Zukunft überleben zu können, gehen immer mehr Schweizer Landwirte neue Wege. Fritz Sahli im bernischen Uettligen ist einer von ihnen.

Drei Kühe, ein Mann: Bauer beim Melken.
Legende: Das war einmal: Der Bauer von heute hat längst nicht mehr nur Augen für seine Kühe. Keystone

Die Zukunft von Fritz Sahli entschied sich auf einem Kartoffelfeld. Es war eine gute Ernte, damals auf dem elterlichen Hof. Trotzdem bezahlte der Grossabnehmer der Bauernfamilie einen unverschämt tiefen Preis, sagt Sahli. Damals beschloss er: «Wenn Bauer, dann unabhängig.»

Vor 15 Jahren hat er den elterlichen Betrieb übernommen, auf Bio umgestellt und ist seinem Vorsatz treu geblieben. Gemüse, Getreide und Fleisch – er verkauft alle seine Produkte selber. Im eigenen Hofladen und an Restaurants und Geschäfte im nahen Bern. «Statt an der Agrarpolitik des Bundes», sagt Sahli, «richte ich mich an den Bedürfnissen der Kunden aus.»

Schweizer Bauernsterben

Damit entspricht er jenem Typ Bauer, wie ihn Bundesrat Johann Schneider Ammann immer wieder fordert. Innovativ, marktorientiert und unternehmerisch. Der Ruf nach mehr Unternehmertum – die Bauern hören ihn an den Landwirtschaftsschulen, von Betriebsberatern und vom Bauernverband.

Der Druck auf die Landwirtschaft ist so gross wie vielleicht noch nie zuvor. Die Preise für Lebensmittel sinken ebenso wie die Schutzzölle für importiertes Fleisch und Gemüse aus dem Ausland. Eine Entwicklung mit gravierenden Folgen. Jeden Tag schliessen in der Schweiz drei Bauern für immer ihren Betrieb.

Strom vom Stalldach

Für ein Überleben arbeiten die verbleibenden Landwirte immer öfter ausserhalb des eigenen Hofes.Heute verdienen die Bauern fast doppelt so viel Geld mit nicht landwirtschaftlicher Arbeit wie noch vor 20 Jahren. 2015 ist ein besonders schlechtes für die Bauern. Gemäss Schätzungen des Bundes verdient die Landwirtschaft in diesem Jahr 600 Millionen Franken weniger als noch im Jahr zuvor., Link öffnet in einem neuen Fenster

Ein blonder Mann am am Handy.
Legende: Innovativ, marktorientiert und unternehmerisch: Fritz Sahli, Bauer aus Uettligen. ZVG

Not macht erfinderisch, so auch Biobauer Fritz Sahli in Uettligen. Weil die bezahlten Preise für Gemüse und Fleisch nur knapp für das Überleben einer Familie ausreichen, setzt er auf zusätzliche Einkommensquellen. Solche auch, die mit klassischer Landwirtschaft nicht viel zu tun haben.

Konzerte und Ausstellungen

Auf dem Stalldach produziert er Strom für knapp 70 Haushalte. Hinter dem Wohnhaus betreibt er eine öffentliche Sauna. Und einen Stock über dem Hofladen veranstaltet er Konzerte, Ausstellungen und vermietet den Raum für private Veranstaltungen. Trotz Engagement und Innovation: Reich wird Sahli mit seinem Betrieb nicht. Das Geld reiche für seine Frau, die beiden Kinder und ihn gerade zum Überleben.

Für ihn das grösste Problem ist die Gesetzgebung. Insbesondere die Raumplanung hindere ihn daran, seinen Betrieb nach den eigenen Vorstellungen weiterzuentwickeln und neue Einkommensquellen zu schaffen. «Da liegt noch vieles im Argen», sagt Sahli und fordert mehr Freiheiten.

Auch wenn es kein leicht verdientes Brot ist, will er den eingeschlagenen Weg weitergehen. Sein Erfolgsrezept, damit die Bauern auch in Zukunft überleben können: Wachsamkeit gegenüber den Bedürfnissen der Konsumenten, Anpassungsfähigkeit und offen sein für Veränderungen.

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Wie vergangene Woche bekannt wurde, will der Bundesrat zwischen 2018 und 2021 bei der Landwirtschaft 800 Millionen Franken einsparen. Die Ankündigung stösst bei vielen Landwirten auf Unverständnis und Ärger. Der Schweizer Bauernverband hat Widerstand angekündigt und will Ende November in Bern gegen die Sparmassnahmen demonstrieren.

6 Kommentare

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  • Kommentar von M.Kaiser, Rebstein
    Herrn Sahli kann ich nur herzlich gratulieren zu seinem Mut, seine Produkte selbst zu verkaufen ! Ich bezahle gerne etwas mehr , wenn es schonend produziert wird. Andererseits muss der Steuerzahler ( Staat ) gerade diesen Menschen nicht die Unterstützungen streichen , sie sind für unsere Umwelt sehr wichtig, sonst müssen wir dann irgendwann künstlich die Landschaften pflegen ohne Ernte , damit nicht alles Urwald und Wildwucher wird . Auch für die Notversorgung sind die Landwirte wichtig.
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  • Kommentar von Martin Pfyffer, Solothurn
    Es gibt gegenwärtig ein Initiative "Ernährungssouveränität", welche das Problem weitsichtig und verantwortungsvoll lösen könnte. Doch ich fürchte, unsere Regierung wird sie unter Einfluss der Grossbetriebs- und Globalisierungslobby verwerfen, so wie sie jede vernünfige Initiative ablehnt. Die abhängige Presse wird ins gleiche Horn blasen. Demokratie ade....
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  • Kommentar von Hermann Dettwiler, Langenthal
    Die Sendung reduziert das Existenzproblem auf den Bauern, weil der Konsument billig einkaufen will. So stimmt das nicht, denn dazwischen ist der Handel, der die Einkaufspreise erpresserisch in die Tiefe treibt und so auf dem Buckel der Produzenten einen Preiskrieg gegen die Konkurrenz austrägt. Den Kollateralschaden an der landwirtschaftlichen Infrastruktur trägt dann kollektiv die Gesellschaft und somit ist niemand zuständig oder gar verantwortlich.
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