Wenn alte Liebe rostet Wer die Ehe am Leben halten will, muss reden

Wie hält die Liebe ein langes Leben lang? Eine Psychologin hat nachgefragt, wieso manche Ehen halten und andere scheitern.

Älteres Paar vor einem Spiegel.

Bildlegende: Eine neue Studie zeigt: Viele Eheleute wollen in der Lebensmitte eigene Wege gehen. Getty Images

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Basler Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello hat 2'000 verheiratete und geschiedene Menschen zu ihrer Ehe befragt.
  • Ihre Studie zeigt, dass bei vielen in der Lebensmitte die Partnerschaft kriselt.
  • Einer der häufigsten Gründe für eine Trennung ist, dass das Paar zu wenig über Konflikte spricht.

Für immer und ewig lieben. Wer will das nicht? Im siebten Himmel sein zu zweit bis zum Tod. Umarmt und geborgen, Zweisamkeit ohne Rost und Patina.

«Das ist zu viel des Guten», sagt Pasqualina Perrig-Chiello. Sie muss es wissen. Sechs Jahre lang haben sie und ihr Team 2000 Menschen befragt: 1000 Geschiedene und 1000 Verheiratete.

Die Generationenforscherin und Entwicklungspsychologin kommt zum Schluss:«Die heutige Ehe ist ein überfrachtetes Langzeitunternehmen, das uns vor neue Herausforderungen stellt.»

Lange Ehe braucht langen Atem

Tatsächlich: Die hohe Lebenserwartung bringt es mit sich, dass Ehen heute leicht einmal ein halbes Jahrhundert und mehr dauern. Früher brachte oft der frühere Tod die Scheidung.

Zudem sind heute Ehen weniger Zweckgemeinschaften als Glücksunterfangen. Und das Glück zerschellt offensichtlich bei 42 Prozent der Verheirateten in unserem Land: Sie lassen sich scheiden.

Sind die übrigen 58% demnach glücklich verheiratet? Fehlanzeige! Das ernüchternde Resultat in Perrig-Chiellos Studie: 41 Prozent aller Paare, die verheiratet sind, bezeichnen sich als unzufrieden.

Am Limit in der Lebensmitte

Um die 50 fängt das Kriseln oft an. Das zeigt die Studie der emeritierten Professorin, die selbst seit 42 Jahren verheiratet ist.

Das Ehe-Aus kommt für viele, wenn sie nicht mehr jung und noch nicht alt sind: Im Job wird nach wie vor viel verlangt. Die Kinder verlassen das Haus. Die eigenen Eltern beginnen zu kränkeln. Man ist selber ermüdet und die Beziehung hat Patina angesetzt.

Die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello.

Bildlegende: «Wie haben Sie's mit der Ehe?» Das fragte Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello 2000 Menschen. zvg

«Es ist eine Zeit des Bilanzierens. Man schaut voraus. Was war und was soll noch werden?», sagt Perrig-Chiello. Für viele heisst die Bilanz: So kann es nicht mehr weitergehen.

Kein Tabu mehr

Je später die Trennung, desto häufiger sind es die Frauen, die gehen. Scheidung ist kein gesellschaftliches Tabu mehr und viele Frauen sind ökonomisch unabhängig.

Anders als ihre Grossmütter können sie so diesen Schritt wagen. Und sie tun es nicht selten auch noch nach 60.

Männer sind keine einsamen Wölfe

Laut Perrig-Chiello sind die Männer zufriedener in der Ehe als ihre Frauen. «Das Bild des einsamen, wilden Wolfes stimmt nicht. Männer sind emotional abhängiger von ihren Frauen als die Frauen von ihren Männern.»

Bei Sorgen und Nöten ist meist die Frau die einzige Gesprächspartnerin. Die Frauen hingegen reden mit Freundinnen und Kolleginnen, wenn es in der Arbeit klemmt oder die Liebe weh tut. Diese Aussenkontakte sind auch nach der Scheidung stabilisierend.

Die Frauen suchen nicht sofort den Nächsten. Die Männer hingegen schon. Sie verpartnern sich bald wieder und suchen so schnell wie möglich eine neue Zweisamkeit unter einem Dach. Meist mit einer Jüngeren. Und nicht selten werden sie so nochmal Väter.

Schweigen bringt Patina

Der Schlussstrich kommt für einen Drittel der Partner aus heiterem Himmel. «Das ist das Resultat, das mich am meisten erstaunt hat», sagt die 65-jährige Forscherin. Auch die Babyboomer haben offenbar Kommunikationsprobleme. Besonders die Männer.

In Perrig-Chiellos Buch «Wenn die Liebe nicht mehr jung ist» ist über das Schweigen der Männer zu lesen. «Die fehlende maskuline Kommunikationsfähigkeit ist in 80 Prozent der Fälle für das Ende der Beziehung verantwortlich. Zumindest aus Frauensicht.»

Altes Paar mit Luftballons.

Bildlegende: Ewig verliebt: meist eher Klischee als Realität. Imago/Westend61

Nur gerade ein Fünftel aller Männer gab an, Beziehungskonflikte angesprochen zu haben. Bei den Frauen sind es neun Zehntel. Alles klar: Schweigen bringt Patina. Reden ist Gold!

Frostschutz für die Liebe

Dass die Professorin selber so lange schon zufrieden verheiratet ist, bezeichnet sie selber als Glücksfall.

Nicht alles ist machbar. Wer will, dass seine Liebe Jahrzehnte überdauert, kann aber schon einiges dafür tun – und nicht nur das Reden ist entscheidend.

«Die Balance zwischen Kompromissbereitschaft und Selbstverwirklichung ist ebenso sehr entscheidend», sagt Perrig-Chiello. Reine Selbstverwirklicher haben schlechte Karten. Reine Anpasserinnen auch. All das ist wichtiger für den Ehe-Erfolg als neue Dessous und laut inszenierter Tapetenwechsel.

Frostschutz für die Liebe

Was zählt ist manchmal unspektakulär. Geteilte Werte und gemeinsame Interessen sind offenbar Rost- und Frostschutz für die Liebe.

Nach der fundierten neuen Studie von Perrig-Chiello bewahrheitet sich ein altes Sprichwort: Gleich und gleich gesellt sich gern. Und das für lange Zeit.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 28.6.17, 9:02 Uhr

Liebe im Alter

Buchhinweis

Pasqualina Perrig-Chiello: «Wenn die Liebe nicht mehr jung ist. Warum viele langjährige Partnerschaften zerbrechen und andere nicht». Hogrefe, 2017.

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