«Wer seine Religion erforschen darf, fühlt sich akzeptiert»

Die SVP-Initiative gegen das Zentrum für Islam und Gesellschaft wurde als verfassungswidrig erklärt. Ein Jahr nach der Eröffnung kann das Zentrum in Freiburg sich vorrangig mit inhaltlichen Fragen beschäftigen.

Eine Frau sitzt mit einem Buch an einem Tisch. Im Hintergrund ein islamisch anmutendes Mosaik.

Bildlegende: Die ersten WissenschaftlerInnen starten dieses Jahr ihre Doktorarbeiten in islamisch-theologischen Studien in Freiburg. Getty Images (Bildmontage)

Am Islamzentrum kann man erstmal aufatmen. Mitte Januar hat die Freiburger Regierung die SVP-Volksinitiative, die das Zentrum verhindern wollte, als verfassungswidrig eingestuft. Zwar wird sich auch das Kantonsparlament noch mit der Initiative befassen, doch dieser erste Entscheid bringt schon einmal eine Entspannung. Co-Leiter Serdar Kurnaz freut sich, dass man sich am Zentrum nun voll und ganz mit den inhaltlichen Fragen beschäftigen könne.

Um Inhalt geht es besonders beim neuen Doktoratsprogramm. Insgesamt sechs Doktorandinnen und Doktoranden werden in den nächsten Jahren zu «Islamisch-theologischen Studien» forschen, immer in Bezug zur Schweiz. «Die Arbeiten werden sozialwissenschaftlich geprägt sein», beschreibt Serdar Kurnaz die Forschungsinhalte. Beispielsweise könnte jemand die Sozialarbeit untersuchen, die von muslimischen Verbänden in der Schweiz geleistet wird.

Typisch schweizerischer Islam?

Am Zentrum für Islam und Gesellschaft will man nicht nur muslimische Themen aufgreifen. Wichtig sei es ihnen, erzählt Serdar Kurnaz, auch zu gesamtgesellschaftlichen Problemen zu forschen. Als Beispiel nennt der islamische Theologe die Sterbehilfe: «Soll Sterbehilfe überhaupt erlaubt sein? Wann tritt genau der Tod ein, damit man entscheiden kann, ob man eine Maschine abstellen darf oder nicht? Auf diese Fragen suchen wir Antworten aus einer islamischen Perspektive heraus.»

Genau hier kommt der Schweizer Islam ins Spiel. Ein schweizerisch geprägter Islam stürze dessen Grundpfeiler nicht, erklärt Serdar Kurnaz. «Der Glaube an den einen Gott ist unverrückbar wie auch das Wissen, dass Mohammed der Prophet der Muslime ist.» Dass sich aber Muslime in der Schweiz Gedanken zur Seelsorge machten, das sei ein typisch schweizerischer Einfluss, erklärt der Co-Leiter des Islamzentrums. In muslimischen Ländern kenne man Seelsorge nicht. In der Schweiz betreuten unterdessen aber Imame Menschen in Moscheen, Spitälern oder auch in Gefängnissen.

Selbstbewusstsein der Muslime fördern

Wer seine Religion erforschen dürfe, fühle sich akzeptiert und integriert, ist Serdar Kurnaz überzeugt. Er sei das beste Beispiel dafür. Kurnaz ist in Deutschland aufgewachsen. Auch mit türkischem Pass fühlte er sich Deutschland immer stark verbunden.

Als er sich entschied, islamische Religion zu studieren, wollte er das in Deutschland tun. Obwohl er ein Angebot gehabt habe in der Türkei zu studieren, habe er dies ausgeschlagen, erinnert er sich. «Ich wollte auf Deutsch studieren», erzählt Kurnaz, «in Deutschland und den Islam im Deutschen Diskurs kennen lernen». In Frankfurt schloss Serdar Kurnaz sein Studium in islamischer Religion im Hauptfach ab, christliche Religion und Pädagogik im Nebenfach.

Keine Imamausbildung am Islamzentrum

Es sei nie das Ziel gewesen, so der Theologe Kurnaz, am Zentrum für Islam und Gesellschaft Imame auszubilden. Hinter diesem Entscheid stehe er hundertprozentig. Die Universität sei einfach der falsche Ort, religiöse Lehrer zu schulen, fährt er fort. Grundsätzlich fände er es aber richtig, Imame in der Schweiz auszubilden. «Imame müssten von den muslimischen Verbänden ausgebildet werden. Vorstellen könnte ich mir aber ein Weiterbildungsangebot am Islamzentrum», sagt der Dozent.

Momentan aber kümmert sich Serdar Kurnaz um seine Doktorandinnen und Doktoranden. Sie sollen am Islamzentrum wissenschaftlich und selbstbewusst über ihre Identität und ihr Religionsverständnis nachdenken können.

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