Werden die USA zur Fussballnation?

Fussball gilt in den Vereinigten Staaten als Randsportart, für die sich vor allem Kinder und Jugendliche interessieren. Aber immer mehr US-Bürger lassen sich vom «Soccer»-Fieber anstecken. Das hat mit dem guten Abschneiden der USA an der WM zu tun, aber nicht nur.

Nahansicht eines Mannes, der sich die US-Flagge ins Gesicht gemalt hat und gebannt nach oben sieht.

Bildlegende: Ein Fan im Bann des WM-Spiels USA gegen Portugal, 22. Juni 2014. Keystone

Im Grant Park von Chicago schauten sich rund 20000 Fans das Fussballspiel USA gegen Portugal an. Auch der Madison Square Park in New York war voll mit Leuten, die das Spiel auf einer Leinwand verfolgten. In Washington D.C. wird für den nächsten Match des Team USA der riesige Dupont-Strassenkreisel in eine Public-Viewing-Arena umgewandelt. Und im ganzen Land locken Bars und Restaurants mit Grossbildschirmen und verbilligten Getränken.

Gesellschaftlicher Wandel


Fussball auf einem Garagendach in Miami

4:26 min, aus Kultur kompakt vom 26.06.2014

Die USA im Fussballfieber: Nicht schlecht, für eine Randsportart. Denn neben Baseball, American Football, Basketball und vielleicht noch Eishockey hatte «Soccer» in den Vereinigten Staaten bislang einen schweren Stand. Es war eine Sportart für Kinder und Jugendliche, nicht wirklich ernst zu nehmen.

Gut möglich, dass die Begeisterung schnell wieder abebbt, wenn das Team USA aus dem Turnier fliegt. Oder spätestens, wenn die Weltmeisterschaft in Brasilien vorbei ist. So war es in der Vergangenheit. Und so sagen es einige Experten auch dieses Mal wieder voraus. Es könnte aber auch ganz anders kommen – für diese These spricht der gesellschaftliche Wandel im Land.

Junge und Latinos als Treiber

Da ist zum einen die junge Generation Y, die Teenager um die Jahrtausendwende. Sie ist laut Umfragen überdurchschnittlich fussballbegeistert. Sie liebt das Gruppenerlebnis. Und «Soccer» eignet sich besonders gut fürs Internet und fürs Kommunizieren via Social Media. Die Fans können die Ereignisse auf dem grünen Rasen praktisch zeitgleich via Twitter kommentieren und Statistiken abrufen und vergleichen. Und dank Web-Streaming ist es sogar in Alabama oder Oregon möglich, Spiele in Europa und Lateinamerika zu sehen – American Football gibt es nur in Amerika.

Die noch wichtigere Gesellschaftsgruppe sind allerdings die Einwanderer aus Mittel- und Lateinamerika. Sie kennen das Fussballspiel aus ihrer alten Heimat und sind weniger bereit als früher, in den USA zu einer anderen Sportart zu wechseln. Sie wollen weiterhin Fussball spielen und sehen.

Drei jubelnde Spieler, Jermaine Jones in der Mitte mit aufgerissenem Mund und geballter Faust.

Bildlegende: Der US-Spieler Jermanine Jones nach seinem Tor zum 1:1 gegen Portugal, 22. Juni 2014. Keystone

Die Quoten steigen

Diese demografischen Veränderungen sind schon seit einiger Zeit bemerkbar. Die Fussballstadien der amerikanischen Nationalliga MLS (Major League Soccer) haben Jahr für Jahr mehr Zuschauerinnen und Zuschauer. Am Fernsehen werden immer mehr Fussballspiele gezeigt, aus den USA, aber auch aus Übersee. Die Quoten steigen. Der Sender NBC hat dieses Jahr zum Beispiel die Rechte an der English Premier League erworben: 250 Millionen Dollar, 30 Millionen Zuschauer – ein Rekord. Die New York Times hat geschrieben, «Soccer» sei inzwischen zu einem Gesprächsthema geworden, das man nicht mehr länger ignorieren könne, wenn man dazu gehören wolle.

Noch ist die Qualität der MLS-Spiele mit jenen aus Europa oder aus Lateinamerika kaum vergleichbar. Und noch ist «Soccer» kein All-American Sport. Doch wenn die MLS-Mannschaften in Zukunft so überzeugend spielen wie die amerikanische National-Elf in Brasilien, kann sich das ändern. Nicht von heute auf morgen, aber doch schneller, als viele Skeptiker glauben.