Weshalb Japan keine Angst vor Robotern kennt

Für viele Japaner verkörpern Roboter das Gute. Ihnen wird gar eine Seele zugestanden. Unbehagen, Misstrauen oder gar Angst vor Robotern ist weniger verbreitet als in Europa oder den USA. Der Hauptgrund für die Aufgeschlossenheit ist im Shintoismus zu finden.

Kind mit Roboter.

Bildlegende: Bedrohung? Nein. Das Verhältnis der Japaner zu Robotern ist von Anfang an entspannt. Reuters

«Wäre ich ein Roboter, wollte ich in Japan leben», sagt Rolf Pfeifer. Die Schweizer Robotik-Koryphäe wohnt heute in Osaka. «In der Schweiz ist Technologie-Skeptizismus verbreitet», sagt der emeritierte Robotik-Professor der Universität Zürich. «In Japan kennt man das nicht.»

Jahrzehntelang forschte er im Bereich künstliche Intelligenz und studierte die soziale Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Die Japaner seien deshalb so offen gegenüber Robotern, weil auch Dinge für sie beseelt seien, so Pfeifer.

Diese Haltung gründet im Shintoismus, einer vorwiegend in Japan praktizierten Religion, die nicht nur Menschen, sondern auch Tieren und eben auch Gegenständen eine göttliche Seele zuspricht. Wohl auch deshalb zögern Japaner nicht, Maschinen zu bauen, die immer menschenähnlicher werden.

Video «Gymnastik mit Roboter (Ausschnitt aus Firmenvideo)» abspielen

Gymnastik mit Roboter (Ausschnitt aus Firmenvideo)

0:42 min, vom 9.11.2015

Mein Freund, der Roboter

Industrie-Roboter, die bei der Morgengymnastik der Fabrikarbeiter mitmachen – in Japan ist das Realität. Für Tadahiro Kawada, Verwaltungsrats-Präsident des Robotik-Unternehmens Kawada Industries, soll dieses Ritual zeigen, dass Roboter Teil des Teams seien.

Roboter seien in Japan zudem meist Freunde der Menschen. Monster-Kreaturen wie Frankenstein oder Terminator fehlten in seinem Land. «Seit ich ein kleiner Jungs bin, schaue ich Roboterfilme», sagt Tadahiro Kawada. «Sie sind darin meist die Helden, welche das Böse besiegen». Angst vor Robotern wird so nicht geschürt.

Roboter anstatt Einwanderer

Die Akzeptanz von Robotern kommt auch einem viel profaneren Sachverhalt zugute: Das Land leidet unter Überalterung, die Bevölkerung schrumpft. Immer mehr Arbeitskräfte fehlen. Es ist das Resultat einer rigorosen Einwanderungspolitik.

Die fortschreitende Automatisierung in vielen Bereichen der Arbeitswelt ist in Japan deshalb eine willkommene Möglichkeit, das fehlende Personal zu ersetzen. Auch deshalb sind Roboter die Verkörperung des Guten – die Retter der Wirtschaft sozusagen.

Roboter als bessere Menschen

Auch in der Alterspflege sind Roboter in Japan im Einsatz: beispielsweise um behinderte Menschen zu tragen, aber auch als süsse Roboter-Robben, die mit Demenzpatienten kommunizieren.

Seniorin mit Robbe.

Bildlegende: Aussen ein Stofftier, innen ein Roboter: Robbe «Paro» gibt Demenzkranken Nähe und Vertrauen. Reuters

Der berühmteste Humanoiden-Forscher Japans, Hiroshi Ishiguro von der Universität Osaka, sieht Roboter in diesen Bereichen gar als bessere Gesprächspartner: «Manchmal können Menschen einander nicht vertrauen. Vor allem Ältere sind misstrauisch gegenüber anderen Menschen. Gegenüber Robotern sind sie es nicht».

Ishiguro forscht an Humanoiden, also menschenähnlichen Robotern. Unter anderem hat er einen Klon von sich selbst hergestellt.

Dieser könne an seiner Stelle auf der ganzen Welt Vorlesungen halten, und er könne sich damit ersetzbar machen. Hiroshi Ishiguros Worte sind mehr als nur Provokation: Von der Japanischen Regierung erhält er Millionenbeträge für seine Forschung.

Sendung zu diesem Artikel