Wie berichten, wenn keine Zeit zum Nachdenken bleibt?

Der Absturz der Germanwings-Maschine war ein mediales Grossereignis. Es wirft die Frage auf: Welche Informationen sollten die Menschen zu welchem Zeitpunkt erfahren? «Watson»-Chefredaktor Hansi Voigt im Gespräch über die Grenzen zwischen ehrlichem Bericht und Sensations-Journalismus.

Ein Bild von Trümmern in den französischen Bergen.

Bildlegende: Bilderflut und Behauptungen: Die Berichterstattung steht in der Kritik. Reuters

«Ich bin viel öfter unpünktlich, als der Zeit voraus»: Das schreibt Hansi Voigt, Chefredaktor von Watson, auf seiner Twitter-Seite. «Zeit» ist dabei ein wichtiges Stichwort. Denn sie spielt im Zeitalter des Internets für die Medien eine grosse Rolle. Soll in Echtzeit über Katastrophen berichtet werden? Diese Frage beschäftigt Leser und Medienschaffende. Auch Hansi Voigt.

Besser komprimiert und schnell als differenziert und langsam?

Der Absturz der Germanwings-Maschine war ein mediales Grossereignis. Der Strom der Neuigkeiten riss nicht ab. Ganz im Unterschied zu den Zeiten vor dem Internet: «Was damals in 14 Tagen verarbeitet wurde, wird jetzt in drei Stunden zusammengefasst. Es ist schwierig, mit der Komprimierung der chronologischen Spanne umzugehen, sowohl von der journalistischen wie auch von Leserseite her.»

Das Medienportal «Watson» berichtet über die Ereignisse mit einem Live-Ticker. Ein journalistisches Tool, dem Hans Voigt viel Gutes abgewinnen kann: «Ich halte den Live-Ticker für eine ehrliche Möglichkeit, mit Ereignissen umzugehen. Man vermittelt dem User mit dem Live-Ticker, dass man noch keine Einordnung, sondern nur eine chronologische Berichterstattung bieten kann.» Mit einem Live-Ticker zu arbeiten, sei dabei professioneller als eine neue Geschichte mit falschen Behauptungen «hochzufahren», wie es bei den Medien früher oft der Fall gewesen sei.

Zu wenig Zeit zum Nachdenken

Der Live-Ticker ist ein umstrittenes Instrument. Denn die Berichterstattung in Echtzeit verkürzt die Zeit, in der der Journalist darüber nachdenken kann, was er schreibt – ob er etwa die Namen der Opfer oder der Täter nennen soll oder nicht. Watson entschied sich beim Flugzeugabsturz, dem Co-Piloten eine Identität zu geben.

Hansi Voigt steht nach wie vor hinter dieser Entscheidung: «Im Fall des Flugzeugabsturzes den Namen des Co-Piloten zu nennen, empfinde ich nicht als Fehler. Denn wir haben den Namen erst genannt, als der französische Staatsanwalt ihn verkündete.» Der Zeitpunkt, zu dem man den Namen mitteile, spiele einen entscheidende Rolle. Für Voigt ist klar: Der Pilot sei in dem Moment, als er die Menschen willentlich in den Tod riss, zu einer Person des Zeitgeschehens geworden – und müsse deshalb beim Namen genannt werden.

Dabei erkennt Voigt durchaus die Schwierigkeit, die sich Medien stellt, wenn sie schnell reagieren müssen: «Es ist eine professionelle Herausforderung, sich in einem sehr kurzem Zeitrahmen darüber klar zu sein, was man schreibt.»

Zur Person

Zur Person

Keystone

Hansi Voigt ist seit 2014 Chefredaktor des Newsportals «Watson». Er war Textchef beim «Beobachter» und stellvertretender Chefredaktor beim Magazin «Cash». Von 2007 bis 2012 war er Chefredaktor der Online-Redaktion von «20 Minuten».

Sendung zu diesem Artikel