Wie Chagall und Co. Demenzkranke inspirieren

Die Psychologin Karin Wilkening lädt Menschen mit Demenz ins Kunsthaus Zürich ein. Kunstkenntnisse sind hier nicht gefragt – und werden auch nicht vermittelt. Wilkening glaubt an die Kraft der Bilder: Vor Gemälden erfinden ihre Gäste wunderbare Geschichten – und versetzen die Begleiter in Erstaunen.

Menschen sitzen in Stühlen im Museum vor Kunstwerk

Bildlegende: Menschen mit Demenz erzählen Geschichten, inspiriert von den Gemälden grosser Meister im Kunsthaus Zürich. Zentrum für Gerontologie UZH/Jos Schmid

Immer wieder bleiben die Besucher im Kunsthaus Zürich stehen und wundern sich, was das wohl für Menschen sind, die sich hier am Dienstagnachmittag vor Marc Chagalls farbenfrohem Bild «Les lumières du mariage» versammelt haben. Ob sie wohl teilnehmen an einer Spezialführung der Seniorenuniversität?

Nein. Die fünf Frauen und drei Männer, die hier auf ihren Stühlen im Halbkreis sitzen, leiden an Demenz. Sie werden von ihren Angehörigen und von freiwilligen Helfern begleitet. Zum Fabulieren und Reden eingeladen sind allerdings nur die acht Personen mit Demenz. Alle andern hören zu – und staunen.

Das ausgelagerte Gedächtnis

«Aufgeweckte Kunst-Geschichten» heisst dieses besondere Angebot im Kunsthaus Zürich. Kunstkenntnisse sind hier nicht gefragt. Darum erzählt die Moderatorin Mariann Ganther auch nicht, dass Marc Chagall das Bild gemalt und aus Trauer über den Tod seiner Frau in die Farben hineingekratzt hat.

«Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie das Bild anschauen?», will sie von ihren Gästen wissen. «Das ist ein Brautpaar. Das sieht man an den Kleidern», kommt als Antwort. «Die Kleider sind perfekt. Alles ist so dunkel – nur die Braut steht im Licht. Noch hat das Brautpaar keine Hörner.»

Die Beteiligten entlocken nach und nach dem Ölgemälde eine ganz neue, eigene Geschichte. Mariann Ganther stellt offene Fragen und wiederholt jede Aussage. Eine Kollegin notiert alles, verknüpft das Gesagte zu einer Geschichte und liest diese immer wieder vor – quasi als ausgelagertes Gedächtnis.

Bilder setzen kreativen Prozess in Gang

Menschen sitzen vor einem Bild, eine Frau notiert in einem grossen Buch, was sie sagen.

Bildlegende: Die Geschichten zu den Bildern werden notiert und immer wieder vorgelesen. Zentrum für Gerontologie UZH/Jos Schmid

Nach der Kunstsitzung, die ungefähr 40 Minuten dauert, gibt es Kaffee und Kuchen. Angeregt plaudern alle durch- und miteinander. Die Stimmung ist fröhlich. Der gesellige Teil ist wichtig. «Dieses Zusammensein normalisiert die Beziehung. Denn es ist nicht mehr klar, wer der Kranke und wer der Betreuer ist», sagt die Psychologin Karin Wilkening. Sie ist die Initiantin des Projektes «Aufgeweckte Kunst-Geschichten».

Die Methode der streng ritualisierten Kunstbetrachtung hat die amerikanische Kulturanthropologin Anne Basting entwickelt. Bereits vor Jahren hat sie erkannt, dass mehrdeutige Bilder und offene Fragen einen kreativen Gruppenprozess in Gang setzen – auch bei Menschen mit Gedächtnisproblemen und Wortfindungsstörungen.

Die von ihr erfundene «TimeSlips»-Methode (engl. für Zeitfetzen) haben Psychologinnen und Kunstvermittlerinnen im Museum of Modern Art in New York und im Palazzo Strozzi in Florenz mit Erfolg ausprobiert. Karin Wilkening hat das Modell nach Zürich ins Kunsthaus transferiert. Das Zentrum für Gerontologie (ZfG) der Universität Zürich begleitet das Projekt wissenschaftlich.

Kunst kann die Stimmung beeinflussen

Erste Erkenntnisse zeigen: Die regelmässige Teilnahme an dieser speziellen Kunstbetrachtung beeinflusst die Stimmung und das Wohlbefinden der Menschen mit Demenz. Den Angehörigen und Betreuenden hingegen schärft es den Blick für die Fähigkeiten, die oft unerkannt in den Menschen mit Demenz noch schlummern.

Sandra Oppikofer vom ZfG spricht von einer «sozialen Intervention» im Bereich der Demenz: Das Projekt «Aufgeweckte Kunst-Geschichten» macht das kreative Potenzial bei Demenz sichtbar und ermöglicht Menschen mit Demenz am kulturellen Leben teilzunehmen.

Neben dem Kunsthaus Zürich bieten auch das Kirchner Museum in Davos, das Berner Zentrum Paul Klee, die Fondation Beyeler in Riehen und das Kunsthaus Aarau die «Aufgeweckten Kunst-Geschichten» an. Sandra Oppikofer hofft, dass sich noch mehr Museen beteiligen. Denn: In der Schweiz leben bereits über 113'000 Menschen mit Demenz. Und es werden in Zukunft immer mehr.

Buchhinweis

Oppikofer/ Nieke/ Wilkening: «Aufgeweckte Kunst-Geschichten», Zentrum für Gerontologie, Universität Zürich, 2015.

Sendung zu diesem Artikel