Wie ein früherer Sprengmeister Ausschaffung menschlicher macht

Rico Vincenz war Koch, Pistenmaschinenfahrer und Sprengmeister, bevor er seine berufliche Tätigkeit in den Justizvollzug verlegte. Seit zwei Jahren leitet der Bündner die Ausschaffungshaft im Zürcher Flughafengefängnis. Mit bis zu 100 Insassen ist es das grösste Ausschaffungsgefängnis der Schweiz.

Eine Frau schaut aus dem Fenster. Sie ist in der Ausschaffungshaft.

Bildlegende: Warten, bis man weiter muss: die Ausschaffungshaft ist kein schöner Ort. Aber ein Ort, den man lebenswerter machen kann. Keystone

Nie im Leben hätte Rico Vincenz sich träumen lassen, dass er einst Abteilungsleiter in einem Gefängnis sein würde. «Es hat weniger mit dem Beruf zu tun als wohl mit meiner Person», meint der 49-jährige Mann. Aus seinem Mund klingt es nicht arrogant.

Der gross gewachsene Bündner strahlt Gelassenheit aus und wählt seine Worte mit Bedacht. «Empathie ist wichtig, wenn man im Gefängnis arbeitet. Ich bin ein guter Zuhörer, kann mich aber auch durchsetzen.» Für ihn war der Wechsel in den Justizvollzug eine Berufung.

Neue Wege

Rico Vincenz war als Baumaschinenführer und Sprengmeister tätig, als er in der Justizvollzugsanstalt Realta den «Tag der offenen Tür» besuchte. Am Ende dieses Tages bot man ihm an, als Betreuer/Aufseher im Gefängnis anzufangen.

Blick auf das Zürcher Flughafengefängnis.

Bildlegende: Auch hinter Gittern soll es ein Leben geben: das Zürcher Flughafengefängnis. Keystone

Kurze Zeit später wurde dort eine Abteilung Ausschaffung eröffnet, deren Leitung Rico Vincenz übernahm. In dieser Zeit bemerkte er, dass die Schweizer Gefängnisse auf Vollzugsebene vernetzt sind, nicht aber auf Ebene der administrativen Haft. Also setzte er sich mit Abteilungsleitern aus anderen Kantonen in Verbindung und rief die «Interessensgemeinschaft Ausschaffung Schweiz» ins Leben. In der Folge wurde auch der Leiter des Flughafengefängnisses Zürich auf ihn aufmerksam.

Ein abweisendes Gebäude

«Als ich zum ersten Mal das Ausschaffungsgefängnis in Kloten besuchte, dachte ich nur ‹Wahnsinn! Man muss wahnsinnig sein, wenn man hier arbeitet, oder man wird es.›» Das imposante und trotzige Betongebäude mit dem hohen Zaun befindet sich direkt in der Abflugschneise des Flughafens.

Gebaut wurde es vor zwanzig Jahren, als noch keiner wusste, was Ausschaffungshaft konkret bedeutet. Also habe man sich an den baulichen Strukturen der Untersuchungshaft orientiert. «Damit müssen wir leben und das Beste daraus machen», meint Rico Vincenz lakonisch.

Weg vom Klischee

Mit einfachen Mitteln versucht er seit zwei Jahren, die Ausschaffungshaft zu reorganisieren, wobei er ganz auf seine vierzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter setzt. Die Arbeitsweise sei so ganz anders als es das abweisende Gebäude vermuten liesse.

Rico Vincenz ist es wichtig, das Klischeebild des Gefängnisses in der öffentlichen Wahrnehmung zu korrigieren. «Wir müssen über unsere Arbeit reden, wenn das Bild des ‹Wärters› aus den Köpfen verschwinden soll.» Die Berufsbezeichnung Aufseherin oder Betreuer passt besser», meint Rico Vincenz und ergänzt: «Nicht einmal im Zoo spricht man heute noch von Wärtern!»

Mehr Aktivität – auch in Gefangenschaft

Besonders erfreut ist Rico Vincenz, dass es neu auf jedem Stock der Zürcher Ausschaffungshaft ein Kardiogerät gibt, damit die Insassen sich sportlich betätigen können. Wer den ganzen Tag nur in der Zelle sitzt, werde aggressiv oder krank. Mithilfe der Insassen und seines Teams hat Rico Vincenz ausserdem einen Andachtsraum eingerichtet, der seinen Namen verdient.

«Zuvor war das ein kahler Betonraum mit Industrieboden, nun gibt es dort Tische, Stühle und Teppiche und der Raum lässt sich multifunktional nutzen», erklärt der Abteilungsleiter der Ausschaffungshaft Zürich. Hier werden zum Beispiel auch die gefängniseigenen Zigaretten hergestellt. Das habe nur Vorteile, meint Rico Vincenz. «Die Insassen sind beschäftigt, bekommen einen kleinen Lohn und können erst noch billige Zigaretten kaufen.»

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