Wie ein Spielzeug zum Haareraufen Popkultur wurde

Der Rubik's Cube sollte dreidimensionales Denken vermitteln. Das war die Absicht des ungarischen Architekturprofessors Ernö Rubik, als er vor 40 Jahren den Würfel erfand. Heute ist der «Zauberwürfel» Popkultur: Das Geduldsspiel wurde zum Milliarden-Erfolg und zum beliebten Hochleistungssport.

Im Mai 2013 reisten Journalisten nach Hongkong, um den NSA-Aufdecker Edward Snowden zu treffen. Erkennungszeichen: Der Mann mit dem Rubik-Würfel in der Hand. Da habe sich Snowden wohl von der Agentenkomödie «Gemeinsame Geheimsache» mit Julia Roberts und Clive Owen inspirieren lassen, wo der Würfel als Schlüsselanhänger Erkennungszeichen war, ist Paul Hoffmann überzeugt.

Vom Prototypen aus Holz bis zum Luxusmodell aus Gold

Ernö Rubik, der Erfinder des Zauberwürfels, zwischen farbigen Würfeln.

Bildlegende: 1974 erfand dieser Mann einen Würfel, der um die Welt ging: Ernö Rubik. Keystone

Paul Hoffman ist der Direktor des Liberty Science Center, nahe der Freiheitsstatue gelegenen. Er stellte mit «Beyond Rubik’s Cube» die bisher umfassendste Ausstellung über den Zauberwürfel zusammen.

Da darf natürlich Ernö Rubiks Prototyp von 1974 nicht fehlen. Verglichen mit den bunten Zauberwürfeln in allen Grössen und Farbkombinationen nimmt der sich geradezu armselig aus: 27 abgewetzte Holzquader, zusammengehalten mit Büroklammern und Gummiringen. Das Gegenstück dazu ist 2,5 Millionen Dollar wert und besteht aus 18-karätigem Gold, Diamanten und Halbedelsteinen. Dieser teuerste Zauberwürfel der Welt ist nicht nur zum Anschauen. Er ist voll funktionsfähig.

Mit «Beyond Rubik’s Cube» wollte Paul Hoffman zeigen, wie aus einem Geduldspiel ein Stück Populärkultur wurde. Komponisten spielen mit Würfeln, indem sie verschiedenen Positionen Töne, Rhythmen oder Instrumente zuordnen. Bildende Künstler haben aus tausenden Zauberwürfeln Porträts auf Hausfassaden kreiiert. In der Ausstellung können Besucher an einem Fresko des Freiheitsstatue werken.

Der Würfel kam nie aus der Mode

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Ein vielseitiges Spielzeug

3:43 min, aus 10vor10 vom 17.8.2010

Ernö Rubiks Würfel hat etwas Faszinierendes an sich. «Man kann ihn angreifen, manipulieren, die Farben sind bunt. Das spielt alles zusammen», meint Hoffman. «Und ausserdem: Es ist eine menschliche Eigenschaft, dass man Ordnung ins Chaos bringen will.» Darüber hinaus sieht das auf den ersten Blick so bestechend einfach aus, «und ist oft doch zum Verrücktwerden schwierig.» Der Direktor des Liberty Science Centers weiss, wovon er spricht: In den 1980er-Jahren kaufte er einen der ersten Würfel. Nach 20 Minuten riss ihm der Geduldsfaden und er zerlegt ihn: «Mich hat der Mechanismus am meisten interessiert.»

Anfangs war der Zauberwürfel eine Beschäftigung für eine Person. Bestenfalls für zwei. Doch mit dem Internet organisierte sich die internationale Fangemeinde zu Tempowettbewerben. 2003 veranstaltete die neu gegründete «World Cube Association» die erste Weltmeisterschaft. Seither purzeln die Rekorde stetig. Die schnellste Lösung für den 3x3-Standardwürfel legte ein holländischer Teenager mit 5,55 Sekunden hin.

Schneller dank Silikonspray und Vaseline

Anthony Brooks, derzeit quasi der Haus-Speedcuber der Ausstellung, schafft es in etwas über sechs Sekunden. Wie jeder Speedcuber erarbeitet er am Computer seine eigenen Algorithmen für die Lösung von Positionen. «Mit Übung hat man das irgendwann im Muskelgedächtnis», meint der 20-Jährige. «Da muss ich gar nicht mehr nachdenken.» Einhändig ist er deutlich langsamer: Da braucht er für die Lösung des Würfels 16 Sekunden.

Speedcubes zeichnen sich durch einen besonders reibungslosen Mechanismus aus. Um mögliche Reibung ganz auszuschalten, behandeln Spieler den Würfel mit Silikonspray oder Vasline.

Nur 20 Züge zur Lösung – zu jeder Lösung

Im Deutschen hat sich die Bezeichung «Zauberwürfel» eingebürgert. Doch diese ist irreführend. Denn alle sechs Flächen schön einfarbig hinzukriegen ist pure Mathematik. Ernö Rubik beginnt bei seiner Lösung immer an den Ecken. Die beliebteste Methode, das Rätsel in Schichten zu zerlegen, entwickelte die Ingenieurwissenschaftlerin Jessica Fridrich.

«Mathematiker haben errechnet, dass man jede der 43 Trillionen Positionen in etwa 20 Zügen auflösen kann», erklärt Paul Hoffman. «Doch niemand weiss, wie man das macht.» Selbst die schnellsten Speedcuber gelangen erst nach 50 bis 70 Zügen an die Lösung. Was man mit dem Würfel alles anstellen kann, ist also noch lange nicht ausgelotet.