Sakraler Müll Wie entsorge ich meinen Rosenkranz?

Gerümpel landet im Sperrmüll. Doch sakrale Gegenstände wirft man nicht so schnell in die Mülltonne. Deshalb finden viele in Bad Zurzach ihre letzte Ruhestätte – im Zivilschutzkeller.

Jesusfigur

Bildlegende: Gutes Ende für diese Jesusfigur: Sie hat in der SRF-Religionsredaktion ein neues Zuhause gefunden. SRF/Judith Wipfler

  • Viele, die sakrale Gegenstände erben und diese nicht behalten wollen, wissen nicht, wohin damit.
  • Die Kirchgemeine Bad Zurzach sammelt im Zivilschutzkeller unerwünschte Heiligenstatuen, Kruzifixe und Hausaltere.
  • Die meisten Objekte werden anonym abgegeben – wohl weil die Besitzer sich nicht rechtfertigen wollen.

«Im Garten vergraben»

Wohin mit dem Rosenkranz, wenn die Tante stirbt? Wohin mit der Muttergottes der Grosseltern, die die Erben kitschig finden?

Im Internet gibt es viele Diskussionen darüber, was mit Kreuzen, Marienbildern und religiösen Plaketten geschehen soll. «Im Osterfeuer verbrennen», «im Garten vergraben», «verkaufen und das Geld spenden» oder «im Zug liegen lassen und schauen, wohin die Reise geht»: Viele Vorschläge werden in Foren ausgetauscht, die am Ende für eine noch grössere Verwirrung sorgen.

Schatzkammer im Schutzraum

Marcus Hüttner, Gemeindeleiter der römisch-katholischen Kirchgemeinde in Bad Zurzach im Kanton Aargau, kennt das Problem. Im einstigen Zivilschutzkeller der Gemeinde verwahrt der Theologe das, was andere nicht mehr haben wollen.

Marcus Hütten begutachtet die Kruzifixe, die sich im Zivilschutzkeller angesammelt haben.

Bildlegende: Marcus Hütten begutachtet die Kruzifixe, die sich im Zivilschutzkeller angesammelt haben. SRF/Raphael Rauch

Der Schutzraum gleicht einer Schatzkammer. Schwere Leuchter, verrusste Rauchfässer und Kruzifixe stapeln sich hier ebenso wie Jesus-Statuen, Hausaltäre, Engel und Andachtsbilder. Sogar ein mobiler Tabernakel ist darunter.

Auch wenn so manches Objekt aus der Zeit gefallen scheint: Laut römisch-katholischem Kirchenrecht sind das weder Kunst- noch Kitschobjekte, sondern Andachtsgegenstände, die auf das Jenseits verweisen. Zeichen für Frömmigkeit und eine Hilfe, den Glauben auszudrücken.

Figur, die Jesus als guten Hirten zeigt.

Bildlegende: Diese Figur von 1915, die Jesus als «guten Hirten» zeigt, wartete im Pfarrbüro auf ihren neuen Besitzer. SRF/Raphael Rauch

Weltliche Verwendung verhindern

In der Kirchensprache heissen die Andachtsgegenstände Devotionalien. Sind sie gesegnet, gelten sie als Sakramentalien und haben eine besondere Wirkung. Die Kirche mahnt aber immer wieder dazu, keinen Aberglauben zu betreiben und nicht Statue, Bild und Amulett zu verehren, sondern sie lediglich als Verweis zu erkennen: auf Gott und die Kirche.

Trotzdem sind gesegnete Devotionalien «Res sacrae», «heilige Dinge» in der Sprache des Kirchenrechts. Damit ist die Aufforderung verbunden, sie vor einer allzu weltlichen Verwendung zu schützen.

Deswegen hadert Marcus Hüttner auch damit, die oft zeitlos stilvollen Kerzenständer einfach auf Ebay zu verticken. Trotz der Möglichkeit, damit Geld den Partnergemeinden in Ägypten zu spenden, die zu Bad Zurzach wegen der Verehrung der Heiligen Verena eine besondere Beziehung haben.

Devotionalien als Dauerleihgabe

«Bei uns haben sich Schätze über viele Jahre, vielleicht sogar Jahrhunderte angesammelt. Wir haben die Aufgabe, zu hüten und zu bewahren und diese Glaubenstradition nicht in Vergessenheit geraten zu lassen», betont der Gemeindeleiter. Was er sich aber vorstellen kann: Devotionalien als Dauerleihgabe Gläubigen zu geben, die mit den sakralen Gegenständen etwas anzufangen wissen.

Medaillon in den Ritzen der Grundmauern der St.-Verena-Kirche

Bildlegende: Wer genau hinschaut, sieht ein Medaillon in den Ritzen der Grundmauern der St.-Verena-Kirche. SRF/Raphael Rauch

Der Zivilschutzkeller ist nicht der einzige Ort, an dem die Andachtsgegenstände gewissermassen ihre letzte Ruhe finden. Auch in der Kirche, neben der Krypta der Heiligen Verena, stecken in den Grundmauern Heiligenmedaillons – teilweise verborgen in den Ritzen der Steine. «Ich finde das einen kreativen und guten Umgang mit diesen kleinen Devotionalien», meint Hüttner.

«Angst, sich rechtfertigen zu müssen»

Die wenigsten Gegenstände bekommt der Gemeindeleiter persönlich überreicht. Die meisten würden anonym in den Briefkasten geworfen oder in der Kirche zurückgelassen.

«Die Leute haben Angst, dass wir Nein sagen. Oder dass sie sich rechtfertigen müssen», mutmasst Hüttner – und beruhigt: «Wir fragen niemanden, warum er das Kruzifix nicht mehr haben will oder ob er vom Glauben abgefallen ist.»

Auch wenn der Zivilschutzkeller in Bad Zurzach noch nicht rappelvoll ist: Markus Hüttner bittet die Gläubigen, nicht allzu viele Gegenstände abzuliefern, sondern sie zu vererben. Denn oft sind Devotionalien auch privat-familiäre Erinnerungsstücke.

In Hüttners Büro in Bad Zurzach hängt etwa ein Kruzifix im Südtiroler Stil. Es gehörte einst Hüttners Grossonkel. Das Erbstück ist eine schöne Erinnerung im Büro-Alltag an den Grossonkel.

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