Wie fasst man das Unaussprechliche in Worte?

Wieder geht vor der Küste Libyens ein Flüchtlingsschiff unter, wieder ertrinken Hunderte Menschen im Meer. Wenn die Realität unaussprechlich grausam wird, stösst Sprache an ihre Grenzen. Trotzdem versuchen Journalisten und Politiker Worte zu finden für das Grauen.

Ein Flüchtlingsschiff und Marineboot auf dem Wasser.

Bildlegende: «Tragödie», «Drama», «Katastrophe»: Grosse Wörter wirken plötzlich kraftlos und blass. Reuters

Welche Wörter soll man verwenden, um zu beschreiben, was auf dem Mittelmeer geschieht, wenn eng zusammengepfercht Tausende von Menschen versuchen, Krieg und Not zu entkommen und in Europa ihr Glück zu versuchen? Ein Glück, das bereits im nackten Ueberleben liegt.

«Flüchtlingstragödie», «Flüchtlingsdrama» und «Flüchtlingskatastrophe» sind in deutschsprachigen Medien die häufigsten Wörter, um die jüngsten Ereignisse auf dem Mittelmeer zu beschreiben. Die Medien mögen generell superlativische Absolutwörter und rühren sprachlich gerne mit der grossen Kelle an. Doch diesmal sind laute Töne auch tatsächlich gerechtfertigt.

Es sind grosse Wörter, die zugleich kraftlos und blass wirken, weil sie das Ausmass des Entsetzens und des Leids nur oberflächlich wiedergeben können – nicht zuletzt auch, weil Wörter wie «Tragödie», «Drama» und «Katastrophe» bei anderen, viel weniger dramatischen Gelegenheiten zu oft verwendet wurden.

Das sagen die Medien

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0:00 min, vom 13.12.2017

Nicht nur auf der Ebene des einzelnen Ausdrucks ringt man nach Worten, auch ganze Sätze und Schlagzeilen sind in diesen Tagen drastisch formuliert.

«Mittelmeer wird zur Todesfalle», steht im Berner «Bund». «Massensterben in den schwarzen Wogen» im «Tages-Anzeiger», der auch titelt: «Das Mittelmeer wird zum Friedhof».

«Lebensgefährliche Massenflucht», sendet der Deutschlandfunk. «Ein gut bewachtes Massengrab» sei das Mittelmeer, schreibt die «Zeit», «Die Auffanglager stehen vor dem Kollaps» die Süddeutsche Zeitung.

Der Tod, das Meer, die Menge der Flüchtlinge und der Opfer: Ein Bild des Grauens, in dem das Individuum nicht mehr existiert, sondern nur noch die namenlose Masse in Lebensgefahr. Diese geht nicht nur vom unberechenbaren Meer und den überladenen Kähnen aus, sondern auch von «organisierten Schleppernetzwerken», die bis zu 15'000 Dollar kassieren, um einen Menschen übers Meer zu transportieren – und dies oft nicht tun.

Die Worte der Politiker

Flüchtling am Strand von Lampedusa.

Bildlegende: Einer, der es geschafft hat, das Mittelmeer lebend zu überqueren. Keystone

Auch die Politik versucht, das Entsetzen in Worte zu fassen: «Unsere Meere dürfen nicht zu Leichendeponien werden», sagt der griechische Ministerpräsident. «Wie kann es sein, dass wir täglich Zeugen einer Tragödie werden?», sagt sein italienischer Amtskollege.

«Es ist eine Schande und ein Armutszeugnis, wie viele Länder vor der Verantwortung wegrennen und wie wenig Geld wir für Rettungseinsätze bereitstellen», sagt der Präsident des EU-Parlaments. «Europa darf nicht immer mehr zur Festung werden, vor deren Mauern Menschen sterben», sagt der Vizepräsident der SPD.

Gewisse politische Entscheidungsträger sehen also klar. Hoffen wir, dass Europa bald handelt – und schnell.

Europa und das Elend auf dem Mittelmeer

Doch kehren wir auf die Ebene der Begriffe zurück: «Mare Nostrum» hiess die Operation der italienischen Marine, die von Oktober 2013 bis Oktober 2014 etwa 140'000 Menschen das Mittelmeer sicher überqueren liess. Eingestellt wurde das Programm aus finanziellen und politischen Gründen: «Mare Nostrum» steigere die Attraktivität Europas als Einwanderungsgebiet, kritisierten manche. Ersetzt wurde das italienische Seenotrettungsprogramm durch die Operation «Triton» der EU-Grenzagentur «Frontex».

«Triton» ist ein antiker Meeresgott. Die Flüchtlinge hat dieser europäische Meeresgott bitter im Stich gelassen. Und Europa lässt bisher auch Italien, Malta, Griechenland und Spanien bei der Rettung und Aufnahme der Abertausenden von Flüchtlingen im Stich. «Katastrophe», «Drama», «Tragödie» hin oder her.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 20.4.2015, 17:10 Uhr.