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Zivilcourage hat man nicht, man lernt es
Aus Kontext vom 23.03.2021.
abspielen. Laufzeit 24:14 Minuten.
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Wie helfen in der Not? Zivilcourage ist nichts für Superhelden

Amnesty International bietet seit einigen Jahren Kurse zum Thema Zivilcourage an. Ein Einblick.

Eine Situation, die vielen vertraut ist: Man sieht, wie eine Person im Bus oder im Tram von jemand anderem beleidigt oder bedrängt wird. Man würde dieser Person gern helfen. Aber dann verlässt einen doch der Mut.

Hinterher ärgert man sich. Warum habe ich nichts gesagt? Man hätte doch gern. Amnesty International bietet seit einigen Jahren Kurse zum Thema Zivilcourage an. Ein Einblick.

Beliebte Zivilcourage-Workshops

Ein Samstag im Spätherbst. 18 Personen haben sich im Saal des Katholischen Studentenhauses Basel eingefunden. Sie alle wollen etwas über Zivilcourage lernen.

Der Kurs ist ausgebucht. Die Workshops zum Thema Zivilcourage seien beliebt, sagt Michelle Meier, die Bildungsverantwortliche bei Amnesty International. Vor allem bei Frauen: «Im Schnitt nehmen deutlich mehr Frauen an den Kursen teil als Männer».

Doch egal, ob Männer oder Frauen: Die meisten Teilnehmenden haben Erfahrungen mit Situationen gemacht, in denen sie eingreifen wollten – aber nicht immer haben sie auch eingegriffen.

Genau an diesem Punkt setzen die beiden Kursleiter an: Menschenrechtstrainerin Menga Keller und Schauspieler Melvin Hasler. Sie spielen eine kleine alltägliche Szene: Eine Frau sitzt abends im Zug. Ein Mann kommt auf sie zu: «Hesch e Zigarette?» Sie wehrt ab. «Ich rauche nicht.» Er setzt nach. Will Zigaretten. Will Geld. Er wird beleidigend. «Was bist du für eine? Bist wohl was besseres?» Und schliesslich wird er sogar handgreiflich.

Hättest du eingegriffen?

Dann fragt Michelle Meier uns, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Was hättet Ihr gemacht? Hättet Ihr eingegriffen? Die meisten zögern, verharren im Unentschieden – da wo wir eigentlich alle weg wollen.

Wer nicht einschreitet, der hat meist Furcht, selbst in den Konflikt hinein gezogen zu werden. Opfer zu werden. Diese Bedenken sind durchaus begründet, sagt Kursleiter Melvin Hasler: «Manchmal ist die Entscheidung, nicht einzuschreiten durchaus sinnvoll.» Wenn Alkohol oder Drogen im Spiel sind zum Beispiel. Oder Gewalt. Gewalttätige Auseinandersetzungen eskalieren oft, wenn Dritte eingreifen.

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Eingreifen, nicht weitergehen
21:29 min, aus Kontext vom 23.03.2021.
abspielen. Laufzeit 21:29 Minuten.

Noch etwas erfahren wir: Eingreifen bedeutet nicht unbedingt, dass man selbst in einen Konflikt hineingeht. Es kann auch heissen, dass man Hilfe organisiert, andere Passanten um Unterstützung bittet, die Polizei ruft, den Notruf alarmiert.

Der Kurs ist keine Superhelden-Schmiede

Zivilcourage zeigen, das bedeutet nicht, den Superhelden oder die Superheldin zu spielen, der oder die mit wehendem Umhang und einem coolen Spruch auf den Lippen die ganze Welt rettet. Zivilcourage bedeutet auch, erstmal einen Moment inne zu halten. Nachzudenken. Was kann ich hier wirklich tun? Ohne mich oder andere zu gefährden. Und dann planvoll zu handeln.

«Doch was mache, wenn ich sehe, wie jemand von anderen verprügelt wird und ich die Polizei rufe und dann dauert es eine Viertelstunde bis Hilfe kommt?» fragt einer der Teilnehmer. Ein berechtigter Einwand. Der Kursleiter rät dennoch, vorsichtig zu sein. Eine Möglichkeit könnte sein, aus sicherem Abstand zu rufen: Wir haben die Polizei gerufen!

Der Kurs «Zivilcourage» ist keine Superhelden-Schmiede. Er regt dazu an, die eigenen Möglichkeiten und die eigenen Grenzen auszuloten. Was kann ich bewirken und wie? Kommunikation spielt dabei eine wichtige Rolle. Nicht nur: Was sage ich? Sondern vor allem: Wie sage ich es? Wie trete ich dabei auf?

Das Wie zählt mehr als das Was

Denn, so erfahren wir von Zivilcourage-Trainerin Menga Keller, Körpersprache ist ein wichtiges Ausdrucksmittel. Körpersprache wirkt am stärksten, wenn wir einschreiten. Körpersprache ist wichtiger als die Stimme und der Inhalt unserer Worte. Das wird nicht nur theoretisch vermittelt, sondern auch praktisch geübt.

Wie wirkt es, wenn ich mich ganz klein mache oder ganz gross? Wenn ich durch den Raum gehe und jemandem dabei dicht auf den Fersen folge – oder die andere Person mir? Oder wenn ich einen anderen mit einem Stop-Ruf in die Schranken weise – leise, laut, richtig laut: STOP!

In Übungen und Spielszenen probieren wir zivilcouragiertes Handeln. Und lernen dabei, dass Zivilcourage nicht etwas ist, was man hat oder nicht hat. Und man kann sich Zivilcourage auch nicht einfach zulegen, wie man eine Mütze überstülpt.

Doch zivilcouragiertes Handeln kann man lernen. In kleinen Schritten. Zu diesen kleinen Schritten gehört es, wach durchs Leben zu gehen, anderen Menschen gegenüber aufmerksam zu sein. Aber auch sich selbst gegenüber.

Kontext, 24.3.2021, Radio SRF 2 Kultur, 9.00 Uhr

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Jürg Locher  (Jürg Locher)
    Es kommt auf das wie an. Dem Hauptagressor quasi mit der Nase ins Gesicht, dann wird der verunsichert, weil er nicht weiss, was sein Gegenüber kann. Habe ich ein paar mal erfolgreich so gemacht.
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  • Kommentar von Simon Stankowski  (Stan)
    Von den ersten 5 Hauptkommentaren (ohne Antworten) sind fünf negativ kritisch. Offensichtlich konnten sie alle nichts Positives für sich mitnehmen.
    Ich konnte schon alleine beim Lesen des Artikels für mich neue Handlungsoptionen gewinnen. Wahrscheinlich kommt es stark auf die innere Einstellung beim Lesen an, wie auch beim Lernen überhaupt.
    Besten Dank für den Input.
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  • Kommentar von Heinz Krummenacher  (H.K.)
    Warum wird in diesem Artikel die klischeehafte Übergriffsituation (Täter: Mann, Opfer: Frau) und nicht die statistisch häufigste Konstellation (Täter: Mann, Opfer: Mann) als Beispiel beschrieben?
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