Wie im syrischen Krieg das Radio neu aufblüht

In den letzten vier Jahren ist eine oppositionelle, syrische Radioszene entstanden, die aus dem Exil über Ländergrenzen hinweg Syrerinnen und Syrer mit Informationen versorgt. Dabei greifen Radio und Internet als alte und neue Technologie ineinander.

Ein altes, leicht schmutziges Radio, eine Hand dreht am Regler.

Bildlegende: UKW-Empfang in Syrien ist möglich, allerdings mussten dafür Sendemasten ins Land geschmuggelt werden. Keystone

Reem ist eine energische junge Frau, erst Anfang 20, aber sie leitet schon einen Radiosender im südtürkischen Gaziantep. «Ich wollte etwas tun, nicht einfach rumsitzen» erzählt sie. 2011 hatte Reem für Al Jazeera über Demonstrationen in Aleppo berichtet und wurde von Regimekräften angeschossen – «das hat mich nur stärker gemacht», sagt sie.

So wichtig wie Essen und Trinken

Seit 2012 ist die oppositionelle syrische Radioszene rasant gewachsen. Die Macher arbeiten im Exil und in Syrien, produzieren Nachrichten, erstellen Ratgebersendungen mit psychologischen und medizinischen Themen, holen O-Töne von Kindern ein, erstellen Pressespiegel, recherchieren investigativ vor Ort, senden Musik und interviewen Geflüchtete.

Hinter einer Scheibe sitzen zwei Männer und eine Frau am Mikrofon, sie tragen Kopfhörer.

Bildlegende: Das Studio des Senders Nasaem Syria im türkischen Gaziantep. Julia Tieke

«Nachrichten und Informationen sind in der jetzigen Situation genau so wichtig wie Essen und Trinken – wenn nicht sogar wichtiger», sagt Owais. «Die Menschen wollen wissen, wo Gefahrenzonen sind, Minen, in welchen Gebieten man bombardiert werden könnte. Und wer gestorben ist.» Er hat das regimekritische Radio Al-Asima («Hauptstadt») im Sommer 2012 in Damaskus gegründet: «Man muss dazu wissen, dass 40 Jahre lang fast vollkommene Stille herrschte, was jegliche Kritik am Regime anbelangt.»

Die Stimme erheben, neue Freiheiten inmitten von Krieg und Krise austesten, aber auch journalistische Qualität erreichen: Zwischen diesen Polen bewegen sich die neuen syrischen Internetradios.

Sendemasten ins Land geschmuggelt

Ein Audiostream ist schnell aufgesetzt, doch gibt es in Syrien häufig weder Internetzugang, noch Strom. Hier springt seit über zwei Jahren «Syrnet» ein, ein Projekt der Berliner Nichtregierungsorganisation MICT. Das Radionetzwerk stellt sein Programm aus Beiträgen von derzeit neun oppositionellen Partnersendern zusammen und ermöglicht den UKW-Empfang in Syrien.

Ein Sendemast auf einer Mauer.

Bildlegende: Improvisiert, aber funktionstüchtig: ein Sendemast in Syrien. Julia Tieke

Zunächst wurden dazu Sendemasten ins Land geschmuggelt, inzwischen hat die Organisation die digitalen Mikrosender «Pocket FM» entwickelt. Klein und unauffällig sind sie leicht zu transportieren und zu installieren und können mit Solarenergie oder einer Autobatterie betrieben werden. Auch wurden Kurbelradios verteilt, so dass auch stromunabhängig gehört werden kann.

«Alle Sender, mit denen Syrnet kooperiert, stehen weder dem Regime noch extremistischen Gruppen nahe», erläutert Anja Wollenberg von MICT. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner.

Durch Workshops in Istanbul wurde langsam eine vertrauensvolle Basis aufgebaut, so dass ganz unterschiedliche Radiomacher inzwischen offen diskutieren und auch inhaltlich kooperieren, zuletzt für eine gemeinsame Kindernachrichtensendung.

Ein Ort für öffentliche Diskussionen

Obai, der den Sender Radio Al-Kull in Istanbul mit aufgebaut hat, lebt inzwischen in den USA. Er sagt: «Manchmal bedaure ich die Entscheidung, es ist hart hier.» Auch das ist syrischer Alltag: Auswanderung, Flucht, Verlust. Radio wiederum kann einen gemeinsamen Raum herstellen, Menschen verbinden, einen Ort für öffentliche Diskussionen bieten.

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